Thema des Monats

Integrierte Reanimation: Die ERC-Leitlinien 2025 für Erwachsene & Neugeborene, Säuglinge und Kinder


Zusammenfassung
Die ERC-Leitlinien 2025 revolutionieren das Verständnis von Reanimation, indem sie diese nicht mehr als isolierte Algorithmen, sondern als ein integriertes, patient:innenzentriertes Gesamtsystem betrachten. Der Fokus liegt auf Systemfaktoren, strukturierter Nachsorge und der langfristigen Lebensqualität der Überlebenden. Besonders hervorgehoben wird die Differenzierung der Reanimation bei Neugeborenen, Säuglingen und Kindern, wo spezifische Maßnahmen wie die Unterstützung der postnatalen Transition und die Bedeutung von Beatmung und Oxygenierung im Vordergrund stehen. Die Leitlinien fördern eine harmonisierte Vorgehensweise über alle Altersgruppen hinweg und betonen die Notwendigkeit strukturierter Algorithmen, früher Intervention und regelmäßigen Trainings, um eine outcome-orientierte Versorgung zu gewährleisten.


Teil 1: Reanimation als System: Einordnung und klinische Relevanz der ERC-Leitlinien 2025

Teil 2: ERC-Guidelines 2025: Reanimation bei Neugeborenen, Säuglingen und Kindern


Reanimation als System: Einordnung und klinische Relevanz der ERC-Leitlinien 2025

Zusammenfassung
Die ERC-Leitlinien 2025 (European Resuscitation Council) verstehen Reanimation nicht mehr als Abfolge einzelner Algorithmen, sondern als integriertes, patient:innenzentriertes Gesamtsystem. Neben den klassischen Maßnahmen der Basis- und erweiterten Reanimation rücken Systemfaktoren, Registerdaten, strukturierte Nachsorge, ethische Entscheidungsfindung und die langfristige Lebensqualität der Überlebenden stärker in den Fokus. Ziel dieses Artikels ist es, das übergeordnete Systemverständnis der Leitlinien darzustellen und die wesentlichen Neuerungen für die klinische Praxis in Präklinik und Klinik einzuordnen. Dabei wird gezeigt, wie die einzelnen Kapitel der Leitlinien ineinandergreifen und gemeinsam zu einer Outcome-orientierten Versorgung entlang der gesamten Behandlungskette beitragen.

von Armin Krösbacher (1), Markus Simmer (2), Michael Hüpfl (3) und Martin Dünser (4)

(1) Universitätsklinik für Anästhesie und Intensivmedizin Innsbruck, Österreich
(2) Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin, Klinikum Wels Grieskirchen, Wels, Österreich
(3) Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin, Universitätsklinikum Neunkirchen, Österreich
(4) Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Kepler Universitätsklinikum und Johannes Kepler Universität, Linz, Österreich

Fortsetzung folgt!
Aufgrund des Umfangs der neuen Guidelines beschränkt sich dieser Artikel auf die Versorgung Erwachsener. In einer der nächsten Ausgaben der ANÄSTHESIE NACHRICHTEN wird ein Artikel zur Versorgung pädiatrischer Patient:innen publiziert.

Die ERC-Leitlinien 2025 (European Resuscitation Council) markieren einen Perspektivenwechsel in der Reanimation: weg von isolierten Maßnahmen hin zu einem integrierten, patient:innenzentrierten Gesamtsystem. Abb. 1 verdeutlicht dieses Verständnis, indem sie alle relevanten Punkte zusammenführt. Der vorliegende Artikel greift dieses Systemverständnis auf und ordnet die zentralen Neuerungen der Leitlinien entlang dieser Struktur ein [3].

Graphische Darstellung der Reanimation als integriertes, Outcome-orientiertes System nach den ERC-Leitlinien 2025
Abb. 1: Reanimation als integriertes, Outcome-orientiertes System nach den ERC-Leitlinien 2025 (Quelle: Greif et al. [3]).
AED automatische externe Defibrillation; ALS Advanced Life Support; BLS Basic Life Support; TOR Termination of Resuscitation
Epidemiologie und Systemebene

Im Vergleich zu den ERC Guidelines 2021 verlagern die Leitlinien 2025 den Fokus deutlich von Einzelinterventionen hin zu einem umfassenden „Systems Saving Lives“-Ansatz. Epidemiologie wird nicht mehr nur beschreibend verstanden, sondern explizit als Werkzeug zur Systemsteuerung und Qualitätsverbesserung.

Neu ist die stärkere Gewichtung systemischer Einflussfaktoren auf die Kennzahlen. Während 2021 primär die Bedeutung von Bystander-CPR (cardiopulmonary resuscitation) betont wurde, heben die Leitlinien 2025 den strukturierten Ausbau von First-Responder-Systemen, die flächendeckende Integration von AED-Registern (Defibrillatoren-Register) sowie digitale Alarmierungs- und Navigationslösungen hervor. Das Programm „Kids Save Lives“ wird substanziell erweitert: Reanimationsausbildung soll verpflichtend bereits ab dem vierten Lebensjahr beginnen und curricular gestuft erfolgen. Innerklinisch empfehlen die Leitlinien 2025 flächendeckend Early-Warning-Scores, Rapid-Response-Teams und eine einheitliche innerklinische Notrufnummer (2222) als systemische Mindeststandards. Eine wesentliche Neuerung ist die klare Forderung nach integrierter Datenerfassung für OHCA und IHCA („in-hospital cardiac arrest“/„out-of-hospital cardiac arrest“). Reanimationsregister werden nicht mehr nur als Forschungsinstrument, sondern als zentrales Element kontinuierlicher Qualitätsentwicklung definiert [1, 7].

Basic Life Support (BLS)

Die ERC Guidelines 2025 betonen erstmals die Gleichwertigkeit prä- und innerklinischer Basismaßnahmen. Das neue Leitschema „call – check – compress“ (Rufen-Prüfen-Drücken) ersetzt das frühere „check – call – compress“.

Laien und professionelle Ersthelfer:innen sollen sofort die Rettungskette aktivieren, noch bevor die Atmung überprüft wird. Die Leitstelle übernimmt eine zentrale Rolle: Sie soll Notfälle schneller erkennen, jedenfalls telefonisch die CPR anleiten und Ersthelfer:innen bis zum Eintreffen professioneller Teams unterstützen. Psychologische Nachsorge für Bystander und Leistellendisponent:innen wird empfohlen.

Präklinisch steht der niederschwellige Zugang zu Wiederbelebungsmaßnahmen im Vordergrund.

Alle COVID-19-bedingten Sonderregelungen wurden gestrichen – Maskenbeatmung ist wieder uneingeschränkt empfohlen. Die Qualität der Herzdruckmassage bleibt entscheidend (Tiefe 5–6 cm, Frequenz 100–120/min, minimale Unterbrechungen).

Innerklinisch liegt der Schwerpunkt auf breiter Schulung aller Berufsgruppen – auch außerhalb des ärztlichen Personals. Pflege-, technisches und Servicepersonal sollen regelmäßig BLS-Training und AED-Einweisungen (automatisierter externer Defibrillator) erhalten. Hausinterne Alarmierungssysteme und klare Rollenverteilungen ermöglichen eine rasche Reaktion bis zum Eintreffen des Reanimationsteams. Stationäre Defibrillatoren müssen standardisiert platziert und regelmäßig überprüft werden [2, 8].

Erweiterte Maßnahmen (ALS)

Die ALS-Empfehlungen (Advanced Life Support) stellen gegenüber 2021 sowohl präklinisch als auch innerklinisch eine deutliche Präzisierung der klinischen Umsetzung dar.

Der Schwerpunkt liegt auf frühzeitiger ALS-Einleitung, guter Teamkommunikation, schneller Defibrillation und einem differenzierten Atemwegs- und Medikamentenmanagement (Abb. 2).

Zusammenfassung ALS Maßnahmen der ERC-Leitlinien 2025
Abb. 2: Zusammenfassung ALS Maßnahmen der ERC-Leitlinien 2025 (Quelle: Greif et al. [3]).
ALS Advanced Life Support; AP anterior-posterior; AL anterior-lateral; CPR kardiopulmonale Reanimation; POCUS Point-of-care-Ultraschall; Pmax peak inspiratory pressure; VF ventrikuläre Fibrillation / Kammerflimmern; VT Tidalvolumen
Defibrillation.

Bei therapierefraktärem VF/pVT (Kammerflimmern/pulslose ventrikuläre Tachykardie) soll nach der dritten erfolglosen Schockabgabe ein Vector-Change erfolgen: Die Defibrillation wird mit neuen Paddles in antero-posteriorer Position durchgeführt. Wie dies praktisch mit minimalen „hands-off“-Zeiten umgesetzt wird, wird in den kommenden Monaten noch weiter evaluiert. Die duale (doppelte) sequenzielle Defibrillation („dual sequence defibrillation“) wird vom ERC nicht für den routinemäßigen Einsatz empfohlen. Ausschlaggebend sind sowohl die praktische Komplexität als auch die begrenzte Evidenz.

Bei Patient:innen mit implantiertem ICD (implantable cardioverter-defibrillator) kann es im Schockfall zu leichten Stromempfindungen für Helfende kommen. Gegebenenfalls kann die ICD-Funktion mittels Magnets deaktiviert werden. Externe Paddles sollen mindestens 8 cm Abstand vom ICD-Aggregat aufweisen.

Bei Einsatz eines mechanischen Reanimationsgeräts muss die Thoraxkompression während der Defibrillation nicht unterbrochen werden.

Defibrillierbare Rhythmen bleiben VF und pulslose VT. Neu betont wird, dass auch feinschlägiges VF aktiv defibrilliert werden soll. Die Standardposition der Paddles ist weiterhin antero-lateral (mittlere Axillarlinie). Die Energie soll 150 J nicht unterschreiten, kann bei refraktärem VF bis zum Gerätemaximum gesteigert werden.

Der präkordiale Faustschlag wird in den Guidelines nicht mehr empfohlen.

Atemwegsmanagement & Ventilation.

Zu Beginn der CPR soll grundsätzlich mit einer Beutel-Masken-Beatmung begonnen werden, idealerweise in der Zweipersonentechnik, um Hypo- und Hyperventilation zu vermeiden. Als supraglottisches Atemwegshilfsmittel wird die i‑gel®-Larynxmaske bevorzugt. Andere Larynxmasken sind möglich, die Leitlinien zeigen aber eine klare Präferenz gegenüber dem Larynxtubus.

Eine endotracheale Intubation soll ausschließlich durch Personen erfolgen, die eine Erfolgswahrscheinlichkeit von ≥95 % innerhalb von zwei Versuchen haben. Die Kapnographie ist verpflichtend zur Lagekontrolle nach Intubation, und empfohlen zur kontinuierlichen Qualitätssicherung.

Bei Verwendung einer maschinellen Beatmung während der kardiopulmonalen Reanimation soll ein volumen- oder druckkontrollierter Modus mit einem Tidalvolumen von 6–8 ml/kg Idealgewicht, einer Atemfrequenz von etwa 10/min, FiO2 1,0, einer Inspirationszeit von 1–1,5 s, einem PEEP von 0–5 cmH2O, deaktiviertem Trigger und einer Druckalarmgrenze von 60–70 cmH2O eingestellt werden.

Medikamente & Gefäßzugang.

Erst nach zwei erfolglosen Versuchen eines peripher-venösen Zugangs soll ein intraossärer Zugang angelegt werden. Die Medikamentenstrategie bleibt weitgehend unverändert, lediglich die Gabe von Ca2⁺/NaHCO3 wird nicht mehr empfohlen.

Peri-Arrest-Situationen (in Monitorumgebung).

Bei plötzlichem EtCO2-Abfall oder systolischem RR < 50 mm Hg kann initial eine Adrenalinbolusgabe von 50–100 µg erwogen werden. Bleibt der systolische RR < 50 mm Hg sollte mit der CPR begonnen werden. In diesem Zusammenhang wird auch die invasive Druckmessung erwähnt und empfohlen.

CPR-induzierte Wachheit.

In seltenen Fällen wird unter laufender CPR Bewusstsein ohne ROSC („return of spontaneous circulation“) beschrieben. Hier sollen niedrig dosierte Sedativa und/oder Analgetika verabreicht werden. Muskelrelaxanzien alleine dürfen nicht gegeben werden [9].

Spezielle Umstände

Die ERC Guidelines 2025 erweitern das Kapitel „Spezielle Umstände“ deutlich und schärfen es sowohl inhaltlich als auch strukturell. Im Vergleich zu 2021 liegt der Fokus stärker auf klaren Algorithmen, interdisziplinären Schnittstellen und der praktischen Umsetzbarkeit in unterschiedlichen Versorgungssettings.

Präklinisch wurden mehrere Algorithmen überarbeitet oder neu eingeführt, darunter Empfehlungen zur Reanimation bei Hyper- und Hypokaliämie, Intoxikationen, Ertrinken und traumatischem Herzstillstand. Neu ist die klarere Positionierung der extrakorporalen CPR (ECPR) bei refraktärem VF/pVT in selektierten Patient:innen und ausschließlich in Systemen mit definierten Transport- und Behandlungsstrukturen. ECPR wird damit stärker als systemische Entscheidung verstanden.

Innerklinisch wurden insbesondere perioperative und hochspezialisierte Szenarien weiterentwickelt. Präzisierte Algorithmen betreffen unter anderem maligne Hyperthermie, Herzstillstand im Operationssaal, auf der Dialyse, bei LVAD-Patient:innen (Linksventrikuläres Assist Device) und im Herzkatheterlabor. Die Leitlinien 2025 betonen dabei die frühzeitige Ursachenbehandlung, auch bei kurzfristigen Unterbrechungen der Thoraxkompression, sowie den gezielten Einsatz von Point-of-Care-Ultraschall zur Identifikation reversibler Ursachen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der interdisziplinären Zusammenarbeit mit der Empfehlung, fachübergreifende SOPs („standard operating procedures“) für seltene, aber kritische Situationen zu etablieren [4].

Post-Resuscitation Care

Die ERC Guidelines 2025 erweitern die Postreanimationsbehandlung zu einem kontinuierlichen Versorgungsprozess, der präklinisch beginnt und über den Krankenhausaufenthalt hinausreicht.

Präklinisch wird die frühe Versorgung nach ROSC betont, mit Fokus auf adäquate Oxygenierung und Hämodynamik sowie der Vermeidung von Hyperoxie. Eine routinemäßige Kühlung wird nicht empfohlen, hingegen der gezielte Transport in spezialisierte Cardiac-Arrest-Zentren.

Innerklinisch ersetzt „Temperature Control“ das frühere „Targeted Temperature Management“. Empfohlen wird eine aktive Fiebervermeidung ≤ 37,5 °C über 36–72 h bei komatösen Patient:innen. Die neurologische Prognostik erfolgt multimodal und zeitlich gestaffelt.

Neu hervorgehoben wird die Bedeutung strukturierter Rehabilitation und Nachsorge, einschließlich der Einbindung von Angehörigen als „Co-Survivors“ [5].

Ethik und Entscheidungsfindung

Die Guidelines verstehen ethische Entscheidungen als integralen Bestandteil der gesamten Rettungskette. Ziel sind klare, transdisziplinäre Entscheidungen, die den Patient:innenwillen respektieren und unnötige Behandlungen vermeiden.

Präklinisch stehen strukturierte Entscheidungsunterstützung, TOR-Kriterien („termination of resuscitation“) als Orientierungshilfe sowie eine empathische Kommunikation mit Angehörigen im Vordergrund. Diese ersetzen jedoch nicht die klinische Gesamtbeurteilung oder rechtliche Vorgaben.

Innerklinisch gewinnen Advance Care Planning und DNACPR-Dokumente („do not attempt cardiopulmonary resuscitation“) an Bedeutung und sollen standardisiert erfasst, regelmäßig überprüft und transparent dokumentiert werden. Familienanwesenheit bei Reanimationen sowie der frühzeitige Einbezug ethischer Konsile werden ausdrücklich unterstützt [6].

Fazit

Obwohl die ERC Guidelines 2025 keine grundlegenden Änderungen der klassischen Reanimationsmaßnahmen bringen, markieren sie einen klaren inhaltlichen Wandel. Die technischen Kerninterventionen bleiben weitgehend unverändert, der Fokus verschiebt sich jedoch von einzelnen Maßnahmen hin zu einer ganzheitlichen, systemischen Versorgung.

Reanimation wird nicht mehr als isoliertes Akutereignis, sondern als kontinuierlicher Versorgungsprozess verstanden, der Prävention, Akuttherapie, Nachsorge und ethische Entscheidungsfindung integriert. Prä- und innerklinische Versorgung werden dabei gleichwertig betrachtet.

Für Österreich liegt der Schwerpunkt weniger auf neuen Techniken als auf der Vernetzung bestehender Strukturen, standardisierten Prozessen und messbarer Qualität. Die ERC Guidelines 2025 liefern damit vor allem eine neue Perspektive: Reanimation als Systemaufgabe.

Literatur
  1. Baldi E, Wnent J, Caputo ML, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Epidemiology in Resuscitation. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110733.
  2. Djärv T, Rogers J, Semeraro F, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 First Aid. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110752.
  3. Greif R, Lauridsen KG, Djärv T, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Executive Summary. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110770.
  4. Lott C, Karageorgos V, Abelairas-Gomez C, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Special Circumstances in Resuscitation. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110753.
  5. Nolan JP, Sandroni C, Cariou A, et al. European Resuscitation Council and European Society of Intensive Care Medicine Guidelines 2025 Post-Resuscitation Care. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110809.
  6. Raffay V, Wittig J, Bossaert L, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Ethics in Resuscitation. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110734.
  7. Semeraro F, Schnaubelt S, Olasveengen TM, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 System Saving Lives. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110821.
  8. Smyth MA, van Goor S, Hansen CM, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Adult Basic Life Support. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110771.
  9. Soar J, Böttiger BW, Carli P, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Adult Advanced Life Support. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110769.

erschienen in ANÄSTHESIE NACHRICHTEN 1/2026

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ERC-Guidelines 2025: Reanimation bei Neugeborenen, Säuglingen und Kindern

Zusammenfassung
Die Reanimation von Neugeborenen, Säuglingen und Kindern unterscheidet sich wesentlich von der von Erwachsenen. Die Guidelines des European Resuscitation Council (ERC) 2025 tragen diesen Besonderheiten Rechnung und integrieren gleichzeitig eine stärkere Harmonisierung über alle Altersgruppen hinweg. Während beim Neugeborenen die Unterstützung der postnatalen Transition und eine suffiziente Ventilation im Vordergrund stehen, dominieren im Kindesalter respiratorische Ursachen des Kreislaufstillstands. Entsprechend behalten Beatmung und Oxygenierung einen zentralen Stellenwert in der pädiatrischen Reanimation. Die aktualisierten Leitlinien betonen die Bedeutung strukturierter Algorithmen, früher Intervention sowie regelmäßigen Trainings. Der Beitrag fasst die wesentlichen Neuerungen und klinischen Implikationen der ERC-Guidelines 2025 für die pädiatrische Reanimation zusammen.

von Bernhard Ziegler (1), Bernhard Schnöll (1), Ruth Kröss (2), Martin Dünser (3) und Armin Krösbacher (2)

(1) Universitätsklinik für Anästhesie, perioperative Medizin und allgemeine Intensivmedizin, Salzburger Landeskliniken, Paracelsus Medizinische Privatuniversität, Salzburg
(2) Universitätsklinik für Anästhesie und Intensivmedizin, Medizinische Universität Innsbruck
(3) Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Kepler Universitätsklinikum und Johannes Kepler Universität, Linz

Kinder sind keine „kleinen Erwachsenen“
Unterschiede in der Anatomie, Physiologie und Ätiologie des Kreislaufstillstands.

Um eine breite Akzeptanz und Anwendung der Reanimationsmaßnahmen zu erzielen, ist es ein nachvollziehbares Bestreben des European Resuscitation Council (ERC), die Reanimationsrichtlinien aller Altersgruppen bestmöglich zu vereinheitlichen [1].

Dennoch gibt es aufgrund von Unterschieden zwischen Erwachsenen und Kindern hinsichtlich der Ursachen eines Herz-Kreislauf-Stillstands sowie der anatomischen und physiologischen Gegebenheiten gesonderte Richtlinien für die Reanimation von pädiatrischen Patient:innen.

So stellen bei rund der Hälfte der prähospitalen Herz-Kreislauf-Stillstände im Kindesalter respiratorische Probleme unterschiedlicher Genese (z. B. Aspiration, Atemwegsobstruktion, Ertrinken) die Ursache dar. Der Beginn der Reanimationsmaßnahmen mit fünf Beatmungen trägt diesen Ursachen Rechnung [2].

Bei Jugendlichen stehen Trauma, Intoxikation sowie Suizidversuche an erster Stelle. Innerklinische Herz-Kreislauf-Stillstände, die ein besseres Outcome aufweisen, sind überwiegend durch respiratorisches Versagen und Schock bedingt [2, 3].

Neugeborenenreanimation

Die ERC-Leitlinien 2025 zur Neugeborenenreanimation (NLS) fokussieren auf evidenzbasierte Vereinfachung und praktische Anwendbarkeit [4]. Neu ist die klare Abgrenzung zum Paediatric Life Support (PLS): NLS gilt unmittelbar postnatal sowie auf der Neugeborenenintensivstation (NICU), PLS hingegen nach Erstentlassung aus dem Krankenhaus oder bei primär kardialen Ereignissen. Praxisrelevant ist die Empfehlung, dass Teams die Reanimation im Zweifel mit dem ihnen vertrautesten Algorithmus beginnen sollten.

Die algorithmischen Anpassungen steigern die Effektivität und vereinfachen die Entscheidungsfindung. Die Betonung physiologischer Prozesse zeigt sich im verzögerten Abnabeln (Delayed Cord Clamping, DCC): mindestens 60 s für stabile Neugeborene zur Verbesserung der kardiovaskulären Stabilität, jedoch < 30 s bei Reanimationspflichtigkeit. Ergänzend werden präzisierte Vorgaben zum Wärmemanagement betont (< 32 SSW: Plastiksackerl und Haube).

Der Fokus verschiebt sich hin zu einer objektiven, technologiegestützten Beurteilung: Die subjektive Hautfarbe tritt hinter die kontinuierliche Herzfrequenzmessung mittels EKG zurück. Korrespondierend werden effektivere Atemwegsinterventionen empfohlen, darunter die Zwei-Personen-Technik mit Esmarch-Handgriff sowie die Videolaryngoskopie zur Steigerung der Erstintubations-Erfolgsrate.

Die Vorgaben zur Oxygenierung wurden vereinfacht (Tab. 1).

Tab. 1: Empfehlungen zur Oxygenierung

ParameterEmpfehlung
Initiale inspiratorische O2-Konzentration ≥ 32 SSW21 %
Initiale inspiratorische O2-Konzentration < 32 SSW30 %
Standard-PEEP6 cm H2O
SpO2-Ziel nach 3 min70–75 %
SpO2-Ziel nach 5 min80–85 %
SpO2-Ziel nach 10 min85–95 %

Die medikamentöse Therapie ist ebenfalls gestrafft: Das Adrenalin-Intervall wurde auf 4 min standardisiert; Natriumbikarbonat und Naloxon wurden evidenzbasiert entfernt. Beim Glukosemanagement erfolgt ein Paradigmenwechsel von empirischer zu gezielter Gabe (0,2 g/kg) ausschließlich bei nachgewiesener Hypoglykämie.

Reanimation von Säuglingen und Kindern (PLS)

Der Prävention kommt in der Pädiatrie besondere Bedeutung zu, da der Herz-Kreislauf-Stillstand meist die Folge eines progredienten respiratorischen oder zirkulatorischen Versagens ist [2].

Atropin-Prämedikation.

Die routinemäßige präventive Gabe von Atropin vor endotrachealer Intubation wird aufgrund fehlender Evidenz zur Verhinderung bradykarder Komplikationen nicht mehr empfohlen.

Management der Hypoglykämie.

Die empfohlene intravenöse Glukosedosis beträgt 0,2 g/kg (2 ml/kg einer 10 %igen Glukoselösung).

Thoraxkompression bei Säuglingen.

Die Zwei-Daumen-Technik wird nun in allen Situationen empfohlen, auch für Einzelhelfer:innen. Evidenz zeigt einen höheren koronaren Perfusionsdruck und eine konsistentere Kompressionstiefe.

Defibrillator-Elektrodenplatzierung.

Bei Kindern kann sowohl die anteroposteriore als auch die anterolaterale Position verwendet werden.

Besondere Umstände der Reanimation

Die ERC-Leitlinien 2025 formulieren erstmals einen strukturierten Algorithmus zur Behandlung des kritischen kranken Kindes mit generalisiertem Krampfanfall [2]. Bei fehlendem intravenösem Zugang werden alternative Applikationswege zur Benzodiazepintherapie wie intranasale oder bukkale Gabe empfohlen [5]. Beim benzodiazepinrefraktären Status epilepticus wird Levetiracetam (bis zu 60 mg/kgKG i.v.) als gleichwertige Alternative zu Phenytoin empfohlen.

Im Fall einer Anaphylaxie soll das auslösende Agens möglichst identifiziert und entfernt werden. Bei Auftreten von lebensbedrohlichen Symptomen soll Adrenalin (0,15 mg i.m. für 1–5 Jahre, 0,3 mg i.m. für 6–12 Jahre, 0,5 mg i.m. > 12 Jahre) unverzüglich in den anterolateralen Oberschenkel appliziert werden, um einen Herz-Kreislauf-Stillstand zu verhindern. Antihistaminika (bei kutanen Symptomen) und Cortison (nur bei Asthma-Anamnese) sollen als Second-Line-Therapien nach Stabilisierung des:der Patient:in mit Adrenalin und Volumen zur Anwendung kommen.

Im hypothermen Herzstillstand wird bei einer Körperkerntemperatur < 30 °C eine einmalige Adrenalingabe empfohlen, sofern keine unmittelbare extrakorporale Reanimation geplant ist.

Das Kapitel „Postreanimationsbehandlung und Prognoseerstellung“ fokussiert auf die Stabilisierung nach Wiederherstellung eines Spontankreislaufs („return of spontaneous circulation“, ROSC). Dabei soll der mittlere arterielle Blutdruck über der 10. Altersperzentile liegen. Neben der täglichen klinisch-neurologischen Untersuchung werden EEG sowie bildgebende Verfahren berücksichtigt. CT und/oder MRT können ab dem dritten Tag zur neurologischen Prognoseabschätzung beitragen [6].

Erstmals enthalten die Leitlinien zudem Empfehlungen zur Nachsorge nach der Krankenhausentlassung, einschließlich frühzeitiger Rehabilitation und eines familienzentrierten Versorgungskonzeptes.

Ausbildung, Training und Human Factors

Bei den ERC-Leitlinien zu Ausbildung und zum Training fand 2025 ein Paradigmenwechsel statt: von handlungsorientierten Wiederbelebungstechniken hin zu ganzheitlichen Teamschulungen [7]. Es gilt, maßgeschneiderte Trainingsformate für Laien, Ersthelfer und Fachpersonal zu entwickeln, wodurch das bisher dominierende „One-size-fits-all“-Prinzip verlassen wird.

Technologieunterstützte Lernmethoden mit Echtzeit-Feedbackgeräten sowie gamifizierte Lernansätze sollen in der Ausbildung eingesetzt werden [8, 9]. Ergänzend werden didaktische Konzepte wie „Spaced Learning“ – also das Lernen in kurzen, über längere Zeiträume verteilten Einheiten [10] – sowie die Methode der „Rapid Cycle Deliberate Practice“, bei der Szenarien gezielt unterbrochen werden, um Fehler unmittelbar zu korrigieren, in die Ausbildung integriert [11].

Auch der Einsatz von Hilfsmitteln wie Checklisten und Algorithmen ist primär an Fachpersonal adressiert, um kognitive Belastungen zu verringern. Für Laien besteht hingegen die Gefahr einer zusätzlichen Ablenkung.

Unverändert bleibt der zentrale Stellenwert der frühen und qualitativ hochwertigen Thoraxkompressionen sowie des raschen Einsatzes eines automatischen externen Defibrillators. In diesem Zusammenhang unterstreichen die Leitlinien die hohe Effektivität der Simulation unter Verwendung von High- und Low-Fidelity-Simulationspuppen. Das „In-situ“-Training nach dem Prinzip „train as you fight“ ermöglicht es, realitätsnahe Einsatzbedingungen abzubilden und organisationsspezifische Herausforderungen für Rettungsteams sichtbar zu machen.

Schließlich betonen die ERC-Leitlinien 2025 die Bedeutung einer kontinuierlichen Fortbildung von Instruktorinnen und Instruktoren, insbesondere im Hinblick auf neue didaktische Ansätze und technologische Entwicklungen wie Gamification oder den Einsatz künstlicher Intelligenz in der medizinischen Ausbildung [12].

Bedeutung für den anästhesiologischen Bereich

Die ERC-Leitlinien 2025 bestätigen in vielen Bereichen bestehende anästhesiologische Standards, setzen jedoch in einzelnen Aspekten neue Akzente, insbesondere hinsichtlich Atemwegsmanagement, Teamorganisation und frühzeitiger Eskalationsstrategien [2, 4].

Folgende herausstechende Anmerkungen gemäß dem ABC-Schema:

Airway.

Die Entscheidung zwischen direkter Laryngoskopie und Videolaryngoskopie soll anhand der Erfahrung des Anwenders erfolgen.

Anwendung einer apnoeischen Oxygenierung während des Intubationsvorgangs.

Erwähnenswert ist die Empfehlung zur Cricothyroidotomie als „front of neck access“, die im Gegensatz dazu in der einschlägigen kinderanästhesiologischen Literatur erst nach dem 8. Lebensjahr als durchführbar beschrieben wird [13, 14].

Breathing.

Inadäquate Spontanatmung soll initial mittels Maskenbeatmung unter optimierter Kopfposition und ggf. Doppelhandtechnik unterstützt werden.

Frühzeitiger Einsatz eines supraglottischen Atemwegs oder eines Endotrachealtubus bei ausbleibendem Erfolg hinsichtlich Oxygenierung oder Ventilation.

Circulation.

In der Schocksituation maximal zwei Versuche (innerhalb von 5 min) zur Etablierung eines i.v. Zugangs, ggf. unter Zuhilfenahme eines Ultraschallgeräts.

Alternativ frühzeitige Anlage eines intraossären Zuganges mit entsprechender Nadellänge unter Analgesie, beispielsweise mittels intranasal verabreichten Ketamins. Dislokation und Paravasat sind bei der Injektion bzw. Infusion unbedingt zu beachten.

Bei hypovolämem, obstruktivem oder distributivem Schock werden Volumenboli von 10 bis 60 ml/kg empfohlen, bei ausbleibendem Effekt die Gabe von Vasopressoren.

Fazit/Take-Home-Messages
  • Kinder sind keine „kleinen Erwachsenen“ – respiratorische Ursachen stehen beim Kreislaufstillstand im Vordergrund und bestimmen die initiale Therapie.
  • Die effektive Ventilation ist sowohl im Newborn Life Support (NLS) als auch im Paediatric Life Support (PLS) ein zentrales Element der Reanimation.
  • Ausbildung, Simulation und Human Factors haben einen entscheidenden Einfluss auf die Qualität der Reanimationsversorgung.
  • Die erfolgreiche Versorgung kritisch kranker Kinder basiert weniger auf Einzelmaßnahmen als auf strukturierter Teamarbeit und konsequenter Anwendung evidenzbasierter Handlungsprinzipien.
Datenverfügbarkeit

Der Beitrag fasst die aktuellen ERC-Guidelines 2025 mit Fokus auf die pädiatrische Reanimation zusammen und basiert ausschließlich auf bereits veröffentlichten Quellen.

Literatur
  1. Greif R, Lauridsen KG, Monsieurs KG, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Executive Summary. Resuscitation. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110770.
  2. Djakow J, Turner NM, De Lucas N, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Paediatric Life Support. Resuscitation. 2025;215:110767. https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110767.
  3. Lasa JJ, Dhillon GS, Levy A, et al. Part 8: Pediatric Advanced Life Support: 2025 American Heart Association and American Academy of Pediatrics Guidelines for Cardiopulmonary Resuscitation and Emergency Cardiovascular Care. Circulation. 2025; https://doi.org/10.1161/CIR.0000000000001368.
  4. Hogeveen M, Monnelly V, Kardum D, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Newborn Resuscitation and Support of Transition of Infants at Birth. Resuscitation. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110766.
  5. Chhabra R, Gupta R, Gupta LK. Intranasal midazolam versus intravenous/rectal benzodiazepines for acute seizure control in children: A systematic review and meta-analysis. Epilepsy Behavior. 2021;125:108390. https://doi.org/10.1016/j.yebeh.2021.108390.
  6. Markel F, Habicht S. Lebenserhaltende Maßnahmen bei Kindern: Kommentar zu den Leitlinien des European Resuscitation Council 2025. Notfall Rettungsmed. 2025; https://doi.org/10.1007/s10049-025-01652-y.
  7. Nabecker S, de Raad T, Farquharson B, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Education for Resuscitation. Resuscitation. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110739.
  8. Lin Y, Lockey A, Farquharson B, et al. Use of CPR feedback devices in resuscitation training: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Resuscitation Plus. 2025;23:100939. https://doi.org/10.1016/j.resplu.2025.100939.
  9. Rodríguez-García A, Ruiz-García G, Navarro-Patón R, Mecías-Calvo M. Attitudes and Skills in Basic Life Support after Two Types of Training: Traditional vs. Gamification, of Compulsory Secondary Education Students: A Simulation Study. Pediatric Reports. 2024;16:631–43. https://doi.org/10.3390/pediatric16030053.
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erscheint in ANÄSTHESIE NACHRICHTEN 2/2026

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