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Weniger Komplikationen durch reduzierten intraabdominalen Insufflationsdruck

Im Rahmen eines MSD-Symposiums am AIC 2021 referierte Kim I. Albers, Radboud University in Nijmegen, Niederlande, über die Vorteile eines niedrigen intraabdominalen Insufflationsdrucks in Kombination mit einer tiefen neuromuskulären Blockade bei laparoskopischen kolorektalen Eingriffen.

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Bei mehr als 27 % der Patient*innen treten in Folge eines laparoskopischen kolorektalen Eingriffs postoperativ moderate bis schwere Komplikationen innerhalb der ersten 30 Tage auf, erläuterte Kim I. Albers, Assistenzärztin für Anästhesie und Doktorandin in der Forschungsgruppe von Dr. Michiel Warlé, Radboud University in Nijmegen, Niederlande, zu Beginn ihres Vortrags am AIC 2021. Häufig sind die Komplikationen eine Folge von Infektionen, unter anderem aufgrund der postoperativen Immunsuppression.

Auf Basis der Ergebnisse einer von der niederländische Forschungsgruppe um Warlé und Albers durchgeführten und 2020 publizierten Pilotstudie [1] entwickelte das Team die These, dass bei laparoskopischen kolorektalen Eingriffen die Verwendung eines reduzierten intraabdominalen Insufflationsdrucks und einer tiefen neuromuskulären Blockade (NMB) im Vergleich zum Standard-Insufflationsdruck und moderater NMB die Qualität der Genesung (Quality of Recovery) verbessert und die Zahl der postoperativen Komplikationen verringert, indem die Immunhomöostase aufrecht erhalten werden kann und Gewebsverletzungen vermieden werden.

Die Thesen wurden im Rahmen einer randomisiert-kontrollierten Studie, der sogenannten RECOVERY-Studie, überprüft [2]. Dafür wurden 178 Proband*innen in zwei Gruppen randomisiert: 12 mmHg intraabdominaler Insufflations-Standarddruck und moderate NMB vs. 8 mmHg reduzierter intraabdominaler Insufflationsdruck und tiefe NMB. Die zwei Fragen, die die Studie beantworten sollte:

  • Ist ein reduzierter intraabdominaler Insufflationsdruck mit einer tiefen NMB bei laparoskopischen kolorektalen Eingriffen sicher und machbar?
  • Ist ein solches Vorgehen effektiv hinsichtlich der relevanten Outcome-Faktoren: Quality of Recovery, Schmerzen, Opioid-Verbrauch, postoperative Infektionen.

Ergebnisse der RECOVERY-Studie

Der Vergleich der intraoperativen Komplikationen (bei 15 % der Patient*innen in der Standarddruck-Gruppe traten solche intraoperativen Komplikationen auf, in der 8 mmHg-Gruppe bei 11 %) „zeigte uns, dass es machbar und sicher ist, mit einem reduzierten intraabdominalen Druck zu arbeiten“, resümierte Albers.

Was die postoperativen Outcomes betrifft, zeigte sich hinsichtlich der Quality of Recovery (gemessen anhand der persönlichen Einschätzung der Patient*innen anhand des QoR40-Fragebogens), eine signifikant höhere Qualität in der Low-Pressure-Gruppe mit tiefer NMB, besonders am ersten Tag nach dem Eingriff, aber auch noch am Tag 3. Erst nach etwa einer Woche glichen sich die Werte an. Auch in Teilaspekten wie Schmerz oder physische Unabhängigkeit zeigte sich die Low-Pressure-Gruppe mit tiefer NMB überlegen.

Unterschiede zeigten sich auch hinsichtlich der postoperativen (30-Tage-) Komplikationen aufgrund von Infektionen (u. a. Pneumonie): 17 % der Patient*innen in der Standarddruck-Gruppe mit moderater NMB zeigten solche infektiösen Komplikationen, aber nur 7 % in der Low Pressure-Gruppe mit tiefer NMB. Bei anderen 30-Tage-Komplikationen (u. a. GI-Blutungen, Lungenembolie) wurden keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen festgestellt.

Fazit aus den Studiendaten

„Im Vergleich zur Standardstrategie unter Aufrechterhaltung eines festen intraabdominalen Insufflationsdrucks von 12 bis 16 mmHg, so das zusammenfassende Fazit von Studienautorin Albers, „sollte es uns eine Optimierung jener Faktoren, die das intraabdominale Volumen erhöhen, sowie die Durchführung einer individualisierten Strategie ermöglichen, den intraabdominalen Insufflationsdruck zu reduzieren, unter Beibehaltung optimaler Operationsbedingungen für eine laparoskopische Kolorektalchirurgie. Ein geringerer intraabdominaler Insufflationsdruck ist sicher und machbar, erhöht die Quality of Recovery, verringert die Schmerzen und damit auch den analgetischen Opioidbedarf.“

Abschließend wünscht sich Albers, dass die Erkenntnisse aus den Studien auch in zukünftigen ERAS-Guidelines (Enhanced Recovery After Surgery) Berücksichtigung finden werden, indem „für elektive kolorektale Eingriffe ein geringer intraabdominaler Insufflationsdruck implementiert wird.“

Bericht: Mag. Volkmar Weilguni

Literatur:
1. Albers KI et al (2020) Visualising improved peritoneal perfusion at lower intra-abdominal pressure by fluorescent imaging during laparoscopic surgery: A randomised controlled study. Int. J Surg 77: 8–13
2. Albers KI et al (2020) The effect of low- versus normal-pressure pneumoperitoneum during laparoscopic colorectal surgery on the early quality of recovery with perioperative care according to the enhanced recovery principles (RECOVER): study protocol for a randomized controlled study. Trials 21(1): 541

Quelle: AIC 2021, Symposium MSD, Dezember 2021 (VIRTUELL)

Erschienen in den Anästhesie Nachrichten 1/2022


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