Thema des Monats

Ausgewählte Literatur zu SARS-CoV-2

Prim. Univ.-Prof. Dr. Walter Hasibeder, Präsident elect der ÖGARI, veröffentlicht auf dem ÖGARI-Blog www.anaesthesie.news regelmäßige Update zum aktuellen Stand des Wissens im Umgang mit SARS-CoV-2  positiven Patientinnen und -Patienten – vorwiegend aus Perspektive der Anästhesiologie und Intensivmedizin.

„In den letzten Tagen stürmen stündlich persönliche Informationen und Erfahrungen mit COVID-19 über unsere gemeinsamen Netzwerke und Artikel und Interviews aus internationalen medizinischen Zeitschriften über die Intensivtherapie schwer erkrankter Patientinnen und Patienten auf uns alle ein“, schrieb kürzlich Prim. Univ.-Prof. Dr. Walter Hasibeder in seinem Beitrag COVID-19: Update Intensivmedizin – Abklärung und Therapie auf dem ÖGARI-Blog www.anaesthesie.news. Eine derartige Informationsflut könne „auch beträchtliche Verwirrung stiften und Unsicherheit auslösen“. Daher will Prof. Hasibeder, Leiter der Abteilung für Anästhesie und operative Intensivmedizin am Krankenhaus St. Vinzenz Zams, aus der Flut an Informationen für seine Kollegenschaft regelmäßig jene herausfiltern, zusammenfassen und interpretieren, die „dem jeweils aktuellen medizinisch-wissenschaftlichen Wissensstand am ehesten entsprechen“.

Abklärung und Schwere-Marker

Bei intensivpflichtigen Patienten mit ungeklärter Pneumonie sind die „üblichen“ Verdächtigen wie Influenza, Pneumokokken und Legionellen abzuklären und wenn möglich Trachealsekret für mikrobiologische Analysen zu gewinnen, schlägt Prof. Hasibeder vor: „Zusätzlich sollten möglichst gleichzeitig zwei Blutkulturen von unterschiedlichen Abnahmestellen gewonnen werden.“ Bei SARS-CoV-2-Verdacht sollte ein „tiefer“ Rachenabstrich zur Diagnostik eingeschickt, bei fraglichem Erstbefund und hohem klinischem Verdacht bei intubierten Patientinnen und Patienten „unter maximalen Sicherheitsvorkehrungen des Untersuchers“ eine bronchoalveoläre Lavage zur Gewinnung von tiefem Atemwegssekret durchgeführt werden.

Eine massive Lymphopenie, hohe CRP- und hohe LDH-Werte würden für einen komplizierten, schweren Erkrankungsverlauf sprechen, erhöhtes Procalzitonin weist auf eine mögliche bakterielle Superinfektion hin. Derzeit gibt es laut Hasibeder „keine wissenschaftliche Evidenz, dass die Bestimmung bestimmter proinflammatorischer Zytokine Vorteile gegenüber konventionellen Entzündungsparametern wie CRP und PCT hat.“

Gemeinsam mit Kollegen hat Prof. Hasibeder ganz rezent Handlungsempfehlungen für Diagnose und Therapie von SARS-CoV-2-positiven Patientinnen und Patienten in Intensivstationen publiziert: ÖGARI Guidelines „ICU therapy guideline for the treatment of patients with a SARS CoV2 infection“ (Autoren: W. Hasibeder, M. Köstenberger, St. Müller-Muttonen, K. Markstaller, R. Likar). Detailinformationen dazu hier.

Medikamenteninteraktionen

Kollegen aus Liverpool stellten Prof. Hasibeder eine Tabelle über mögliche Interaktionen von Virostatika und ähnlichen Substanzen, die zur Verringerung der viralen Belastung von Intensivmedizin-Patienten eingesetzt werden (Darunavir/Cobicistat, Lopinavir/Ritonavir, Remdesivir, Favipiravir, Cloroquin, Nitazoxaride, Ribavirin), mit anderen, auf Intensivstationen zum Teil häufig verwendeten Substanzen zur Verfügung. Hasibeder rät dazu, die erwähnten Wirkstoffe „nur in ausgewählten Fällen und nach einer sehr genauen Nutzen-Risiko Abwägung“ zu verwenden. Die Tabelle ist hier abrufbar.

Aktuelle Studien und Empfehlungen

In einem aktuellen  Literatur-Update SARS-CoV-2 vom 23. März fasst Prof. Hasibeder sechs rezente internationale Studienergebnisse und Empfehlungen zusammen:

Oberflächenbeständigkeit von SARS-CoV-2
N. van Deremalen et al. untersuchten in einer In-vitro-Studie, wie lange das SARS-CoV-2-Virus auf verschiedenen Oberflächen, die im täglichen Leben durch Aerosole kontaminiert werden können, infektiös bleibt. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass das SARS-CoV-2-Virus in Aerosolen, einem Gemisch aus festen und flüssigen Teilchen, bis zu 24 Stunden auf Pappendeckel, vier Stunden auf Kupferoberflächen und zwei bis drei Tage auf rostfreiem Stahl und Plastikoberflächen überleben kann. (Die gesamte Studie unter NEJM DOI: 10.1056/NEJMc2004973)

Wirksamkeit von Lopinavir-Ritonavir
Cao B et al untersuchten die Wirksamkeit von Lopinavir-Ritonavir in einer offenen „Feldstudie“ an schwer an COVID-19 erkrankten Patienten in China. An den 199 eingeschlossenen Patienten führte eine Behandlung mit Lopinavir-Ritonavir zu keiner Verbesserung des Überlebens nach 28 Tagen. Gastrointestinale Symptome traten als Nebenwirkung aber häufiger auf als in der Kontrollgruppe. „Diese Studie sollte uns als Intensivmediziner daran erinnern, dass wir derzeit keine spezifische Therapie gegen das SARS-CoV-2-Virus anbieten können“, lautet Hasibeders Conclusio. Er halte daher die „propagierten experimentellen Therapieoptionen, die wir von verschiedenen europäischen Ländern übermittelt bekommen, für potenziell gefährlich“. (Die gesamte Studie unter NEJM DOI: 10.1056/NEJMoa2001282)

Effekte von Chloroquin und Azithromycin
Gautret P et al haben in einer kleinen Beobachtungsstudie die Effekte von Chloroquin und Azithromycin auf die Virusausscheidung über die Nasenschleimhäute bei COVID-19-Patientinnen und Patienten untersucht. Die Gabe von Hydroxychloroquin führte rasch zu einer signifikanten Abnahme der Virusausscheidung im Vergleich mit Patientinnen und Patienten ohne spezifische Therapie. Die Zugabe von Azithromycin verstärkte den Effekt. Aufgrund der geringen Fallzahlen gäbe es derzeit allerdings „keine Outcome-Daten, die für oder gegen diesen Therapieansatz sprechen“, fasst Hasibeder zusammen: „Ich persönlich finde die Studie hochinteressant und ich hoffe, dass erste Outcome-Daten so schnell wie möglich publiziert werden.“ (Die gesamte Studie unter Int J Antimicrobial Agents 2020; DOI: 10.1016/j.ijantimicag.2020.105949)

ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Rezeptorblocker
Die American Heart Association empfiehlt, bei Patientinnen und Patienten, die auf SARS-CoV-2-Virus positiv getestet wurden und deren kardiovaskuläre Erkrankung mit ACE-Hemmern und Angiotensin-II-Rezeptorblockern behandelt werden, diese Medikamente keinesfalls abzusetzen. Laut Hasibeder gäbe es „derzeit keinen wissenschaftlichen Beweis, dass ACE-Hemmer und Angiotensin-Rezeptorblocker das Risiko schwerer SARS-CoV-2-Erkrankungen erhöhen.“ (Fang L et al. Lancet Respir Med 2020)

Inkubationszeiten und Symptom-Entwicklung
Laurer SA et al haben Inkubationszeiten und Auftreten der ersten klinischen Symptome bei SARS-CoV-2-positiven Patientinnen und Patienten untersucht. Medianes Alter: 44,5 Jahre; 60 % männlich; mediane Inkubationszeit: 5,7 Tage. 97,5 % aller Fälle wurden erst nach einem Intervall von durchschnittlich 11,5 Tagen symptomatisch. Für Hasibeder untermauern die Daten die „derzeitigen Quarantäneregelungen für Hochrisikopatientinnen und -patienten“. (Die gesamte Studie unter Ann Int Med 2020; DOI: 10.736/M20-0504)

SARS-CoV-2 bei Kindern
Laut Chinese Center for Disease Control and Prevention waren unter 72.314 COVID-19-Erkrankten weniger als ein Prozent Kinder. Im Wuhan Kinder Spital wurden zwischen 28. Jänner und 26. Februar 171 von 1.391 Kindern mit respiratorischen Symptomen positiv auf SARS-CoV-2 getestet (12,3 %). Medianes Alter: 6,7 Jahre, Fieber: bei 41,5 %, 15,8 % waren asymptomatisch. Nur drei Kinder, alle vorerkrankt, mussten intensivmedizinisch betreut werden. (Xiaoxia Lu et al. NEJM 2020; DOI: 10.1056/NEJMc2005073)

Literatur-Updates zu SARS-CoV-2 von Prim. Univ.-Prof. Dr. Walter Hasibeder