von Maximilian Moser (1, 2), Maximilian Havlicek (1, 3) und Thomas Tschoellitsch (1, 3, 4, 5)
(1) Johannes Kepler Universität & Kepler Universitätsklinikum, Linz
(2) Paracelsus Medical Universität, Salzburg
(3) Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI), Wien
(4) ESAIC NTR Austria, Wien
(5) Universitätsklinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin, Kepler Universitätsklinikum, Linz
Zusammenfassung
Das Thema Innovation war Motto und zugleich Schwerpunkt des diesjährigen Kongresses der European Society of Anaesthesiology and Intensive Care (ESAIC) in Lissabon. Im Zentrum: Die schon etablierten und die zu erwartenden Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz für das Fach – und welche (neuen) Herausforderungen das für Mediziner:innen mit sich bringt.

Kongressfokus und ÖGARI-Engagement
Vom 25.–27. Mai 2025 trafen sich rund 6000 Teilnehmende im Congress Center Lissabon, Portugal, zum diesjährigen Kongress der European Society of Anaesthesiology and Intensive Care (ESAIC) unter dem Motto „Driving Innovation in Anaesthesiology, Intensive Care and Pain Medicine“. Die Eröffnungsvorträge – unter anderem zur Anästhesie im Jahr 2050 (Prof. Kate Leslie) und zur Integration künstlicher Intelligenz in klinische Prozesse (Prof. André Dekker) – rundete ein wissenschaftlich hochkarätiges Programm ab.
Im „Innovation Village“ standen technologische Entwicklungen im Mittelpunkt: künstliche Intelligenz, smarte Monitoringsysteme, automatisierte Entscheidungsunterstützung und Value-based Healthcare.
Am ÖGARI-Stand im National Societies Village wurden unter anderem KI-Projekte vorgestellt:
- Ein Vorhersagemodell zur Risikoabschätzung ungeplanter Rückkehr auf die Intensivstation. Dabei werden postoperative Vitalparameter mit Scores aus der Fieberkurve kombiniert.
- Ein anderes Projekt zeigte ein Prädiktionsmodell zum intraoperativen Transfusionsbedarf.
Die vorgestellten Projekte zielen auf eine frühzeitige Risikoerkennung und die Unterstützung ärztlicher Entscheidungen unter Zeitdruck im Sinn der Patient:innensicherheit ab.
Des Weiteren wurde die in Linz gelebte interdisziplinäre, patient:innenzentrierte Notfallversorgung in der Präklinik passend zum Kongressthema präsentiert. Beide Themen wurden gleichermaßen von den Kongressteilnehmer:innen interessiert aufgenommen und ein reger Austausch dazu war möglich.
Interaktive Simulation und Ultraschall
Im Simulation Lab konnten Trainingssysteme getestet werden: Gezielte Hands-on-Erfahrungen mit High-Fidelity-Mannequins, VR-Trainingssystemen und Ultraschallsimulatoren, zum Beispiel zur transthorakalen und transösophagealen Echokardiografie mit realitätsnahem Feedback zur Differenzialdiagnostik bei hämodynamisch instabilen Patient:innen und Virtual-Reality-gestützte Notfalltrainings mit Szenarien von der präklinischen Versorgung über den Schockraum bis hin zur perioperativen Krise – inklusive Echtzeitentscheidungen, Teaminteraktionen und dynamischer Patient:innenreaktion auf Therapieentscheidungen.
Diese Systeme machen deutlich: Simulation ist nicht mehr ausschließlich Ausbildungsinstrument, sondern etabliert sich als Standard für kontinuierliche Kompetenzsicherung, insbesondere für seltene, aber kritische Ereignisse.
Grenzen, Verantwortung und ethischer Rahmen
Trotz der Innovationsfreude war Konsens unter den Vortragenden: KI kann unterstützen – zentrale Herausforderungen bleiben unter anderem:
- Validität und Bias-freie Datenbasis
- Transparenz und Nachvollziehbarkeit von Algorithmen („Explainable AI“)
- Schulung von Ärzt:innen im Umgang mit KI-Werkzeugen ist notwendig, aber noch nicht annähernd ausreichend etabliert
Vorgestellt wurden Strategien zur qualitätsgesicherten Implementierung, darunter Human-in-the-Loop-Modelle, interdisziplinäre Prüfprozesse und die Notwendigkeit standardisierter Evaluierungsmethoden. Besonders hervorgehoben wurde, dass ethische Grundsätze – wie etwa Autonomie, Fairness und Patient:innenwohl – in jeder Phase der KI-Integration leitend sein müssen. Stakeholder werden in diesem Zusammenhang in Zukunft intensiv in Projekte und Anwendungen eingebaut.
Zusammenfassung und Ausblick
Technologische Werkzeuge wie KI und immersive Simulationen sind bereits Realität. Entscheidend bleibt, dass klinische Erfahrung, menschliche Verantwortung und ethische Leitlinien diese Entwicklungen begleiten und mitgestalten.