Hausverstand statt Technikgläubigkeit – Mehr Platz für Zuwendungsmedizin

An Kritik zum österreichischen Gesundheitswesen hat es in den vergangenen Jahren nie gefehlt. Doch statt Standes- und Parteipolitik stellen jetzt erfahrene Ärzte die tief liegenden Ursachen für Mängel inklusive Verschwendung von Ressourcen in den Mittelpunkt. „Im kranken Haus – Ärzte behandeln das Gesundheitssystem“ (Ueberreuter Verlag) bespricht ein Autorenteam mit Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, führender österreichischer Schmerzspezialist, Vorstand Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Klinikum Klagenfurt am Wörthersee und am LKH Wolfsberg und Professor für Palliativmedizin an der Sigmund Freud Universität in Wien.

Dass das Buch für öffentliche Aufmerksamkeit sorgt, lässt sich schon an einem Fakt ablesen: Der neue österreichische Gesundheitsminister, Rudolf Anschober (Grüne), hat sich bereits im Zuge seiner Dialoggespräch mit Prof. Likar und dem Autor eines weiteren aktuellen kritischen Buches, Dr. Günther Loewit, getroffen.Das Gesprächsthema: Wie das österreichische Gesundheitswesen im positiven Sinn und ohne Scheuklappen weiterentwickelt werden könnte.

„Wir, die wir schon lange in der Medizin und im Gesundheitswesen tätig sind, sehen in beiden Bereichen Tendenzen, die besorgniserregend sind. (…) Es ist seit Langem überfällig, Standesdünkel über Bord zu werfen und im Sinne aller nach nachhaltigen Lösungen zu suchen. Aus den Fehlern und Entwicklungen der Vergangenheit muss gelernt werden“, stellten Prof. Likar, Univ.-Prof. Dr. Herbert Janig, Dr. Georg Pinter (und Univ.-Prof. Dr. Rudolf Waldenberger  im Vorwort ihres mehr als 200 Seiten umfassenden Werkes fest.

Was die Experten insbesondere aufzeigen wollen:

  • Industrialisierung und Ökonomisierung machen Medizin und Gesundheitswesen bei weitem nicht immer effizienter, sondern verkomplizieren und verteuern das System unnötigerweise.
  • Im Gesundheitswesen fehlgeleitete Patienten lassen viele Ärzte regelmäßig – „von der Wiege bis zur Bahre“ – alle Geräte und Verfahren einer verfügbaren High-Tech-Medizin auffahren, auch wenn es sich nur um einfache gesundheitliche Probleme handelt.
  • Falsche Erwartungen der Patienten auf „vollkommene Gesundheit“ per Arztrezept potenzieren unnötigen und für den einzelnen oft riskanten oder belastenden Aufwand.

Was an dem Buch zum Nachdenken verleitet: Es geht nicht um Skandal und Marktgeschrei. Aber pointiert und mit dem Fach- und Insiderwissen aus der Jahrzehnte währenden Erfahrung der Autoren bietet es Einsichten, die sich Patienten, Ärzte und Angehörige anderer Gesundheitsberufe, Krankenkassen- und Spitalsmanager sowie die Gesundheitspolitiker buchstäblich zu Herzen nehmen sollten.

„Ziel dieses Buches ist nicht, Panik zu machen, Kollegen zu diffamieren oder über den eigenen Berufsstand herzuziehen, nein. Im Gegenteil. Eine Menge Ärzte ist unserer Meinung, sie kennen das system und dessen Fehler genauso wie wir und werden hinter uns stehen. Das Ziel, das wir Ärzte mit diesem Buch verfolgen, ist es, Lösungen auf den Tisch zu legen. Das Schweigen zu brechen. Die Wirklichkeit zu zeigen“, schreiben die Autoren.

Das Buch gliedert die Misere in sechs Themenkreise „Das kranke Haus” (überfüllte Spitäler, unnötige Untersuchungen, überlange Dienste, Haftungsprobleme etc.), “Der Kranke Patient” (Recht für Patienten, Fehlende Zeit für Patienten, Faktor Angehörige etc.) bis hin zu “Die kranke Medizin” (Überdiagnosen, Leitlinien ohne Logik, Zwei-Klassen-Medizin etc.), “Das Leben des Arztes” (ungleiche Gegebenheiten, Machbarkeitswahn etc.), “Das Spiel der Pharmaindustrie” (Burn-out als Modekrankheit, Antibiotika, Entzündungshemmer), und “Der vernachlässigte Alte” (Altersdiskriminierung, Missbrauch von Notärzten, Sterben als keine Option).

Der Problemdarstellung folgen jeweils Lösungsvorschläge. Oft sind sie einfach, von medizinischem Hausverstand und Ethik getragen. Alle müssen beitragen, nicht zuletzt auch die Patienten. Ohne Übernahme von Eigenverantwortung geht in der Medizin nämlich gar nichts. Das gilt auch für die Angehörigen von Kranken, die erst recht am Ende ihres Lebens von Zuwendung und einer menschlichen Medizin mehr haben als von Notarzthubschraubereinsätzen, welche das für den Menschen unausweichliche Ende nur an die oft anonymen Orte der High-Tech-Medizin mit überbordenden Kosten bei nicht mehr zu realisierendem Nutzen verlagern.

Einer der Kernpunkte der Kritik am österreichischen Gesundheitswesen liegt seit Jahren darin, dass Spitäler und deren Ambulanzen viel zu häufig aufgesucht werden. Auf der anderen Seite ist der Beruf des Allgemeinmediziners mit Kasenvertrag mittlerweile unattraktiv geworden. Das erhöht die Kosten, führt zu unnötigem Aufwand und bringt den Patienten nichts.

Auf dieses Thema fokussiert Dr. Loewit in seinem „7 Milliarden für nichts“-Buch. 33 Jahre Tätigkeit als Landarzt, 25 Jahre davon als Kassen-Allgemeinmediziner, haben dem niederösterreichischen Mediziner intimsten Einblick in Menschen in Krankheit und Gesundheit sowie in das Gesundheitswesen gewährt.

Auch für ihn sind überbordende Heilsversprechungen der modernen Medizinindustrie, exzessive Erwartungen der Patienten, mangelndes Verantwortungsgefühl der Menschen für die eigene und die Gesundheit des Nächsten sowie eine Gesundheitspolitik, welche die wahren Ursachen von Problemen nur durch noch mehr Spezialistentum und Technik in den Griff bekommen will, das große Thema.

Für Loewit ganz klar: Allgemeinmediziner in einem für sie attraktiven beruflichen Umfeld könnten hier wieder eine tragende Rolle spielen. Der Hausarzt könnte immerhin auch für 20 Prozent des sonst getriebenen Aufwandes 80 Prozent der Gesundheitsstörungen ausreichend und zufriedenstellend behandeln.

(red)

Rudolf Likar, Georg Pinter, Ferdinand Waldenberger, Herbert Janig: “Im kranken Haus – Ärzte behandeln das Gesundheitssystem”. Verlag Carl Ueberreuter; 208 Seiten. ISBN 978-3-8000-7742-7; 24,95 Euro

Günther Loewit: „7 Milliarden für nichts – Ein Landarzt rechnet mit dem Gesundheitssystem ab“. Edition a; 224 Seiten, ISBN: 978-3-99001-372-4; 22 Euro