Reanimation als System: Einordnung und klinische Relevanz der ERC-Leitlinien 2025

Zusammenfassung
Die ERC-Leitlinien 2025 (European Resuscitation Council) verstehen Reanimation nicht mehr als Abfolge einzelner Algorithmen, sondern als integriertes, patient:innenzentriertes Gesamtsystem. Neben den klassischen Maßnahmen der Basis- und erweiterten Reanimation rücken Systemfaktoren, Registerdaten, strukturierte Nachsorge, ethische Entscheidungsfindung und die langfristige Lebensqualität der Überlebenden stärker in den Fokus. Ziel dieses Artikels ist es, das übergeordnete Systemverständnis der Leitlinien darzustellen und die wesentlichen Neuerungen für die klinische Praxis in Präklinik und Klinik einzuordnen. Dabei wird gezeigt, wie die einzelnen Kapitel der Leitlinien ineinandergreifen und gemeinsam zu einer Outcome-orientierten Versorgung entlang der gesamten Behandlungskette beitragen.

von Armin Krösbacher (1), Markus Simmer (2), Michael Hüpfl (3) und Martin Dünser (4)

(1) Universitätsklinik für Anästhesie und Intensivmedizin Innsbruck, Österreich
(2) Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin, Klinikum Wels Grieskirchen, Wels, Österreich
(3) Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin, Universitätsklinikum Neunkirchen, Österreich
(4) Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Kepler Universitätsklinikum und Johannes Kepler Universität, Linz, Österreich

Fortsetzung folgt!
Aufgrund des Umfangs der neuen Guidelines beschränkt sich dieser Artikel auf die Versorgung Erwachsener. In einer der nächsten Ausgaben der ANÄSTHESIE NACHRICHTEN wird ein Artikel zur Versorgung pädiatrischer Patient:innen publiziert.

Die ERC-Leitlinien 2025 (European Resuscitation Council) markieren einen Perspektivenwechsel in der Reanimation: weg von isolierten Maßnahmen hin zu einem integrierten, patient:innenzentrierten Gesamtsystem. Abb. 1 verdeutlicht dieses Verständnis, indem sie alle relevanten Punkte zusammenführt. Der vorliegende Artikel greift dieses Systemverständnis auf und ordnet die zentralen Neuerungen der Leitlinien entlang dieser Struktur ein [3].

Graphische Darstellung der Reanimation als integriertes, Outcome-orientiertes System nach den ERC-Leitlinien 2025
Abb. 1: Reanimation als integriertes, Outcome-orientiertes System nach den ERC-Leitlinien 2025 (Quelle: Greif et al. [3]).
AED automatische externe Defibrillation; ALS Advanced Life Support; BLS Basic Life Support; TOR Termination of Resuscitation
Epidemiologie und Systemebene

Im Vergleich zu den ERC Guidelines 2021 verlagern die Leitlinien 2025 den Fokus deutlich von Einzelinterventionen hin zu einem umfassenden „Systems Saving Lives“-Ansatz. Epidemiologie wird nicht mehr nur beschreibend verstanden, sondern explizit als Werkzeug zur Systemsteuerung und Qualitätsverbesserung.

Neu ist die stärkere Gewichtung systemischer Einflussfaktoren auf die Kennzahlen. Während 2021 primär die Bedeutung von Bystander-CPR (cardiopulmonary resuscitation) betont wurde, heben die Leitlinien 2025 den strukturierten Ausbau von First-Responder-Systemen, die flächendeckende Integration von AED-Registern (Defibrillatoren-Register) sowie digitale Alarmierungs- und Navigationslösungen hervor. Das Programm „Kids Save Lives“ wird substanziell erweitert: Reanimationsausbildung soll verpflichtend bereits ab dem vierten Lebensjahr beginnen und curricular gestuft erfolgen. Innerklinisch empfehlen die Leitlinien 2025 flächendeckend Early-Warning-Scores, Rapid-Response-Teams und eine einheitliche innerklinische Notrufnummer (2222) als systemische Mindeststandards. Eine wesentliche Neuerung ist die klare Forderung nach integrierter Datenerfassung für OHCA und IHCA („in-hospital cardiac arrest“/„out-of-hospital cardiac arrest“). Reanimationsregister werden nicht mehr nur als Forschungsinstrument, sondern als zentrales Element kontinuierlicher Qualitätsentwicklung definiert [1, 7].

Basic Life Support (BLS)

Die ERC Guidelines 2025 betonen erstmals die Gleichwertigkeit prä- und innerklinischer Basismaßnahmen. Das neue Leitschema „call – check – compress“ (Rufen-Prüfen-Drücken) ersetzt das frühere „check – call – compress“.

Laien und professionelle Ersthelfer:innen sollen sofort die Rettungskette aktivieren, noch bevor die Atmung überprüft wird. Die Leitstelle übernimmt eine zentrale Rolle: Sie soll Notfälle schneller erkennen, jedenfalls telefonisch die CPR anleiten und Ersthelfer:innen bis zum Eintreffen professioneller Teams unterstützen. Psychologische Nachsorge für Bystander und Leistellendisponent:innen wird empfohlen.

Präklinisch steht der niederschwellige Zugang zu Wiederbelebungsmaßnahmen im Vordergrund.

Alle COVID-19-bedingten Sonderregelungen wurden gestrichen – Maskenbeatmung ist wieder uneingeschränkt empfohlen. Die Qualität der Herzdruckmassage bleibt entscheidend (Tiefe 5–6 cm, Frequenz 100–120/min, minimale Unterbrechungen).

Innerklinisch liegt der Schwerpunkt auf breiter Schulung aller Berufsgruppen – auch außerhalb des ärztlichen Personals. Pflege-, technisches und Servicepersonal sollen regelmäßig BLS-Training und AED-Einweisungen (automatisierter externer Defibrillator) erhalten. Hausinterne Alarmierungssysteme und klare Rollenverteilungen ermöglichen eine rasche Reaktion bis zum Eintreffen des Reanimationsteams. Stationäre Defibrillatoren müssen standardisiert platziert und regelmäßig überprüft werden [2, 8].

Erweiterte Maßnahmen (ALS)

Die ALS-Empfehlungen (Advanced Life Support) stellen gegenüber 2021 sowohl präklinisch als auch innerklinisch eine deutliche Präzisierung der klinischen Umsetzung dar.

Der Schwerpunkt liegt auf frühzeitiger ALS-Einleitung, guter Teamkommunikation, schneller Defibrillation und einem differenzierten Atemwegs- und Medikamentenmanagement (Abb. 2).

Zusammenfassung ALS Maßnahmen der ERC-Leitlinien 2025
Abb. 2: Zusammenfassung ALS Maßnahmen der ERC-Leitlinien 2025 (Quelle: Greif et al. [3]).
ALS Advanced Life Support; AP anterior-posterior; AL anterior-lateral; CPR kardiopulmonale Reanimation; POCUS Point-of-care-Ultraschall; Pmax peak inspiratory pressure; VF ventrikuläre Fibrillation / Kammerflimmern; VT Tidalvolumen
Defibrillation.

Bei therapierefraktärem VF/pVT (Kammerflimmern/pulslose ventrikuläre Tachykardie) soll nach der dritten erfolglosen Schockabgabe ein Vector-Change erfolgen: Die Defibrillation wird mit neuen Paddles in antero-posteriorer Position durchgeführt. Wie dies praktisch mit minimalen „hands-off“-Zeiten umgesetzt wird, wird in den kommenden Monaten noch weiter evaluiert. Die duale (doppelte) sequenzielle Defibrillation („dual sequence defibrillation“) wird vom ERC nicht für den routinemäßigen Einsatz empfohlen. Ausschlaggebend sind sowohl die praktische Komplexität als auch die begrenzte Evidenz.

Bei Patient:innen mit implantiertem ICD (implantable cardioverter-defibrillator) kann es im Schockfall zu leichten Stromempfindungen für Helfende kommen. Gegebenenfalls kann die ICD-Funktion mittels Magnets deaktiviert werden. Externe Paddles sollen mindestens 8 cm Abstand vom ICD-Aggregat aufweisen.

Bei Einsatz eines mechanischen Reanimationsgeräts muss die Thoraxkompression während der Defibrillation nicht unterbrochen werden.

Defibrillierbare Rhythmen bleiben VF und pulslose VT. Neu betont wird, dass auch feinschlägiges VF aktiv defibrilliert werden soll. Die Standardposition der Paddles ist weiterhin antero-lateral (mittlere Axillarlinie). Die Energie soll 150 J nicht unterschreiten, kann bei refraktärem VF bis zum Gerätemaximum gesteigert werden.

Der präkordiale Faustschlag wird in den Guidelines nicht mehr empfohlen.

Atemwegsmanagement & Ventilation.

Zu Beginn der CPR soll grundsätzlich mit einer Beutel-Masken-Beatmung begonnen werden, idealerweise in der Zweipersonentechnik, um Hypo- und Hyperventilation zu vermeiden. Als supraglottisches Atemwegshilfsmittel wird die i‑gel®-Larynxmaske bevorzugt. Andere Larynxmasken sind möglich, die Leitlinien zeigen aber eine klare Präferenz gegenüber dem Larynxtubus.

Eine endotracheale Intubation soll ausschließlich durch Personen erfolgen, die eine Erfolgswahrscheinlichkeit von ≥95 % innerhalb von zwei Versuchen haben. Die Kapnographie ist verpflichtend zur Lagekontrolle nach Intubation, und empfohlen zur kontinuierlichen Qualitätssicherung.

Bei Verwendung einer maschinellen Beatmung während der kardiopulmonalen Reanimation soll ein volumen- oder druckkontrollierter Modus mit einem Tidalvolumen von 6–8 ml/kg Idealgewicht, einer Atemfrequenz von etwa 10/min, FiO2 1,0, einer Inspirationszeit von 1–1,5 s, einem PEEP von 0–5 cmH2O, deaktiviertem Trigger und einer Druckalarmgrenze von 60–70 cmH2O eingestellt werden.

Medikamente & Gefäßzugang.

Erst nach zwei erfolglosen Versuchen eines peripher-venösen Zugangs soll ein intraossärer Zugang angelegt werden. Die Medikamentenstrategie bleibt weitgehend unverändert, lediglich die Gabe von Ca2⁺/NaHCO3 wird nicht mehr empfohlen.

Peri-Arrest-Situationen (in Monitorumgebung).

Bei plötzlichem EtCO2-Abfall oder systolischem RR < 50 mm Hg kann initial eine Adrenalinbolusgabe von 50–100 µg erwogen werden. Bleibt der systolische RR < 50 mm Hg sollte mit der CPR begonnen werden. In diesem Zusammenhang wird auch die invasive Druckmessung erwähnt und empfohlen.

CPR-induzierte Wachheit.

In seltenen Fällen wird unter laufender CPR Bewusstsein ohne ROSC („return of spontaneous circulation“) beschrieben. Hier sollen niedrig dosierte Sedativa und/oder Analgetika verabreicht werden. Muskelrelaxanzien alleine dürfen nicht gegeben werden [9].

Spezielle Umstände

Die ERC Guidelines 2025 erweitern das Kapitel „Spezielle Umstände“ deutlich und schärfen es sowohl inhaltlich als auch strukturell. Im Vergleich zu 2021 liegt der Fokus stärker auf klaren Algorithmen, interdisziplinären Schnittstellen und der praktischen Umsetzbarkeit in unterschiedlichen Versorgungssettings.

Präklinisch wurden mehrere Algorithmen überarbeitet oder neu eingeführt, darunter Empfehlungen zur Reanimation bei Hyper- und Hypokaliämie, Intoxikationen, Ertrinken und traumatischem Herzstillstand. Neu ist die klarere Positionierung der extrakorporalen CPR (ECPR) bei refraktärem VF/pVT in selektierten Patient:innen und ausschließlich in Systemen mit definierten Transport- und Behandlungsstrukturen. ECPR wird damit stärker als systemische Entscheidung verstanden.

Innerklinisch wurden insbesondere perioperative und hochspezialisierte Szenarien weiterentwickelt. Präzisierte Algorithmen betreffen unter anderem maligne Hyperthermie, Herzstillstand im Operationssaal, auf der Dialyse, bei LVAD-Patient:innen (Linksventrikuläres Assist Device) und im Herzkatheterlabor. Die Leitlinien 2025 betonen dabei die frühzeitige Ursachenbehandlung, auch bei kurzfristigen Unterbrechungen der Thoraxkompression, sowie den gezielten Einsatz von Point-of-Care-Ultraschall zur Identifikation reversibler Ursachen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der interdisziplinären Zusammenarbeit mit der Empfehlung, fachübergreifende SOPs („standard operating procedures“) für seltene, aber kritische Situationen zu etablieren [4].

Post-Resuscitation Care

Die ERC Guidelines 2025 erweitern die Postreanimationsbehandlung zu einem kontinuierlichen Versorgungsprozess, der präklinisch beginnt und über den Krankenhausaufenthalt hinausreicht.

Präklinisch wird die frühe Versorgung nach ROSC betont, mit Fokus auf adäquate Oxygenierung und Hämodynamik sowie der Vermeidung von Hyperoxie. Eine routinemäßige Kühlung wird nicht empfohlen, hingegen der gezielte Transport in spezialisierte Cardiac-Arrest-Zentren.

Innerklinisch ersetzt „Temperature Control“ das frühere „Targeted Temperature Management“. Empfohlen wird eine aktive Fiebervermeidung ≤ 37,5 °C über 36–72 h bei komatösen Patient:innen. Die neurologische Prognostik erfolgt multimodal und zeitlich gestaffelt.

Neu hervorgehoben wird die Bedeutung strukturierter Rehabilitation und Nachsorge, einschließlich der Einbindung von Angehörigen als „Co-Survivors“ [5].

Ethik und Entscheidungsfindung

Die Guidelines verstehen ethische Entscheidungen als integralen Bestandteil der gesamten Rettungskette. Ziel sind klare, transdisziplinäre Entscheidungen, die den Patient:innenwillen respektieren und unnötige Behandlungen vermeiden.

Präklinisch stehen strukturierte Entscheidungsunterstützung, TOR-Kriterien („termination of resuscitation“) als Orientierungshilfe sowie eine empathische Kommunikation mit Angehörigen im Vordergrund. Diese ersetzen jedoch nicht die klinische Gesamtbeurteilung oder rechtliche Vorgaben.

Innerklinisch gewinnen Advance Care Planning und DNACPR-Dokumente („do not attempt cardiopulmonary resuscitation“) an Bedeutung und sollen standardisiert erfasst, regelmäßig überprüft und transparent dokumentiert werden. Familienanwesenheit bei Reanimationen sowie der frühzeitige Einbezug ethischer Konsile werden ausdrücklich unterstützt [6].

Fazit

Obwohl die ERC Guidelines 2025 keine grundlegenden Änderungen der klassischen Reanimationsmaßnahmen bringen, markieren sie einen klaren inhaltlichen Wandel. Die technischen Kerninterventionen bleiben weitgehend unverändert, der Fokus verschiebt sich jedoch von einzelnen Maßnahmen hin zu einer ganzheitlichen, systemischen Versorgung.

Reanimation wird nicht mehr als isoliertes Akutereignis, sondern als kontinuierlicher Versorgungsprozess verstanden, der Prävention, Akuttherapie, Nachsorge und ethische Entscheidungsfindung integriert. Prä- und innerklinische Versorgung werden dabei gleichwertig betrachtet.

Für Österreich liegt der Schwerpunkt weniger auf neuen Techniken als auf der Vernetzung bestehender Strukturen, standardisierten Prozessen und messbarer Qualität. Die ERC Guidelines 2025 liefern damit vor allem eine neue Perspektive: Reanimation als Systemaufgabe.

Literatur
  1. Baldi E, Wnent J, Caputo ML, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Epidemiology in Resuscitation. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110733.
  2. Djärv T, Rogers J, Semeraro F, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 First Aid. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110752.
  3. Greif R, Lauridsen KG, Djärv T, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Executive Summary. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110770.
  4. Lott C, Karageorgos V, Abelairas-Gomez C, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Special Circumstances in Resuscitation. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110753.
  5. Nolan JP, Sandroni C, Cariou A, et al. European Resuscitation Council and European Society of Intensive Care Medicine Guidelines 2025 Post-Resuscitation Care. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110809.
  6. Raffay V, Wittig J, Bossaert L, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Ethics in Resuscitation. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110734.
  7. Semeraro F, Schnaubelt S, Olasveengen TM, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 System Saving Lives. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110821.
  8. Smyth MA, van Goor S, Hansen CM, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Adult Basic Life Support. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110771.
  9. Soar J, Böttiger BW, Carli P, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Adult Advanced Life Support. Resusc Plus. 2025; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110769.

erschienen in ANÄSTHESIE NACHRICHTEN 1/2026