Körperliches Training bei chronischen Erkrankungen

Serie: Physikalische Therapien mit analgetischem, mobilisierendem und regenerativem Ansatz, Teil 4

Eine Serie von Univ.-Prof. Dr. Richard Crevenna, MBA, MSc, MSc
Universitätsklinik für Physikalische Medizin, Rehabilitation und Arbeitsmedizin, Medizinische Universität Wien
Porträtfoto Richard Crevenna
© ÖSG/APA/Leitner

In Rahmen dieser Serie führt Univ.-Prof. Dr. Richard Crevenna, MBA, MSc, MSc, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation (ÖGPMR) in die unterschiedlichen Therapieformen ein, die unter dem Begriff „regenerative physikalische Therapien“ zusammengefasst werden: Elektrotherapie, Thermotherapie, Mechanotherapie, Klima- und Balneotherapie sowie Licht- bzw. Phototherapie.


Zusammenfassung
Während bis in die 1990er-Jahre hinein bei vielen chronischen Erkrankungen häufig körperliche Schonung empfohlen wurde, gilt heute das Gegenteil – ein möglichst aktiver Lebensstil und individuell angepasstes körperliches Training sind zentrale Elemente der modernen Rehabilitation und langfristigen Krankheitsbewältigung. Moderne Trainingsprogramme orientieren sich an Prinzipien der Trainingswissenschaft. Diese müssen bei chronisch kranken Patient:innen jedoch sorgfältig adaptiert und mit dem klinischen Zustandsbild und der individuellen Belastbarkeit in Einklang gebracht werden.

erschienen in SCHMERZ NACHRICHTEN 2/2026

Senior fit couple exercising in gym to stay healthy
© NDABCREATIVITY / stock.adobe.com
Wertigkeit des Krafttrainings

Die Bedeutung von regelmäßiger körperlicher Aktivität und eines strukturierten Trainings bei Patient:innen mit chronischen Erkrankungen hat in den vergangenen Jahrzehnten einen enormen Wandel erfahren. Der Paradigmenwechsel – von der Schonung hin zu körperlicher Aktivierung – basiert auf einem besseren Verständnis der systemischen Wirkungen von körperlicher Aktivität. Das Training wirkt nicht nur auf die Muskelkraft oder die Ausdauer, sondern beeinflusst zentrale pathophysiologische Mechanismen chronischer Erkrankungen, darunter die metabolische Regulation, inflammatorische Prozesse, neuroendokrine Adaptationen, vaskuläre Funktionen sowie zentrale Mechanismen der Schmerzverarbeitung. Vor diesem Hintergrund ist körperliches Training heute nicht mehr lediglich eine ergänzende Maßnahme, sondern ein integraler Bestandteil multimodaler Therapiekonzepte der modernen Rehabilitation und Schmerzmedizin.

Historisch war die Beziehung zwischen körperlicher Aktivität und chronischen Erkrankungen lange von Vorsicht und Unsicherheit geprägt. Viele Erkrankungen wurden als Zustände interpretiert, die körperliche Schonung erfordern würden. Aktivität wurde nicht selten als zu belastend und potenziell gefährlich angesehen. Erst systematische Trainingsinterventionsstudien bei chronisch kranken Patient:innen führten zum Umdenken. Diese Arbeiten zeigten, dass die zuvor befürchteten negativen Effekte körperlicher Belastung nicht eintreten – es gab kaum bzw. keine unerwünschten Ereignisse („adverse events“, AE). Vielmehr konnten positive Effekte auf die Leistungsfähigkeit, das Symptom Fatigue, die Körperzusammensetzung, einige metabolische Parameter, die psychische Gesundheit sowie die Lebensqualität und funktionelle Selbstständigkeit nachgewiesen werden.

Heute steht daher nicht mehr die Frage im Vordergrund, ob Training sinnvoll ist, sondern v. a. wie Training optimal gesteuert werden muss, um therapeutische Effekte zu erzielen und dabei gleichzeitig Risiken zu vermeiden.

Ein zentrales Problem vieler chronischer Erkrankungen ist die Dekonditionierung. Die Erkrankung, Belastungen durch notwendige Therapien, Schmerzen oder Fatigue führen häufig zu deutlich reduzierter körperlicher Aktivität. Diese Bewegungsreduktion wiederum führt zu einem progressiven Verlust an Muskelmasse, Kraft und Ausdauer im Sinne einer Abwärtsspirale. In weiterer Folge entstehen funktionelle Einschränkungen im Alltag sowie zusätzliche metabolische und kardiovaskuläre Risikofaktoren – es geht im wahrsten Sinne des Wortes bergab. Dieser Prozess verläuft selbstverstärkend, d. h. die Symptome führen zu weiterer Bewegungsvermeidung, und dieses Vermeidungsverhalten verstärkt wiederum die weitere körperliche Dekonditionierung. Besonders relevant ist dabei der Verlust an Muskelmasse. Die Skelettmuskulatur stellt nämlich eines der wichtigsten stoffwechselaktiven Organe des Körpers dar und spielt somit eine zentrale Rolle für den Glukosestoffwechsel, die Insulinsensitivität, die inflammatorische Regulation sowie die funktionelle Belastbarkeit. Aus rehabilitationsmedizinischer Perspektive wird daher deutlich: Das Ziel körperlichen Trainings ist nicht primär die „sportliche“ Leistungssteigerung, sondern der Erhalt der funktionellen Autonomie, Belastbarkeit und Teilhabe sowie die Ermöglichung eines funktionierenden Stoffwechsels.

Trainingsprinzipien

Moderne Trainingsprogramme orientieren sich an grundlegenden Prinzipien der Trainingswissenschaft. Diese gelten auch für Patient:innen mit chronischen Erkrankungen, müssen jedoch sorgfältig adaptiert und mit dem klinischen Zustandsbild und der individuellen Belastbarkeit in Einklang gebracht werden. Die wichtigsten Prinzipien sind im Folgenden dargestellt.

Prinzip der Individualisierung

Jedes Trainingsprogramm muss an die individuelle Situation der Patient:innen angepasst werden. Entscheidend sind dabei unter anderem:

  • Art und Stadium der chronischen Erkrankung
  • Aktuelle Therapiephase
  • Funktioneller Status
  • Kardiovaskuläre Leistungsfähigkeit
  • Muskuloskeletale Belastbarkeit
  • Schmerzsymptomatik
  • Trainingsvorerfahrung

Gerade in der Rehabilitation bedeutet dies häufig einen funktionellen Einstieg mit niedriger Intensität und moderatem Volumen. Die Trainingsprogramme müssen dementsprechend regelmäßig evaluiert und angepasst, also adaptiert werden.

Prinzip der progressiven Belastungssteigerung

Ein zentrales Prinzip jeder Trainingsadaptation ist die progressive Überlastung (der sog. „progressive overload“). Anpassungen im Muskel- und Nervensystem entstehen nämlich nur dann, wenn ein ausreichend starker Trainingsreiz gesetzt wird. Auch bei chronischen Erkrankungen gilt grundsätzlich, dass ein nur ein angemessen intensiver Trainingsreiz zu entsprechenden Anpassungen und Verbesserungen führt als etwa ausschließlich sehr niedrige Belastungen. Typische Intensitätsbereiche im rehabilitativen Krafttraining sind:

  • Etwa 40–60 % des Ein-Wiederholungsmaximums (1-RM) bei Einsteigern oder stark dekonditionierten Patient:innen
  • Etwa 60–80 % des 1‑RM bei fortgeschrittener Rehabilitation

Dies entspricht ungefähr folgenden Wiederholungsbereichen:

  • 12–15 Wiederholungen bei niedriger Intensität
  • 8–12 Wiederholungen bei moderater Intensität
  • 6–8 Wiederholungen bei höherer Intensität

Die weitere Intensitätssteigerung erfolgt stets schrittweise und nur bei stabiler Belastungsverträglichkeit.

Prinzip der Spezifität

Die Trainingseffekte sind spezifisch für den gesetzten Trainingsreiz. Das bedeutet:

  • Krafttraining verbessert primär Kraft.
  • Ausdauertraining verbessert primär Ausdauer.
  • Funktionelle Übungen verbessern funktionelle Leistungsfähigkeit.

Für die Rehabilitation bedeutet dies, dass die Trainingsprogramme möglichst funktionsorientiert gestaltet werden sollten. Übungen sollten Bewegungsmuster trainieren, die für den Alltag relevant sind, beispielsweise Aufstehen und Hinsetzen, Treppensteigen, Tragen und Heben von Lasten, Stabilisation des Rumpfes etc.

Prinzip der ausreichenden Trainingsbelastung

Ein häufiges Problem in der rehabilitativen Praxis ist eine zu geringe Trainingsintensität. Training unterhalb eines bestimmten Schwellenwertes führt jedoch nur zu minimalen Adaptationen. Die aktuellen Empfehlungen sehen daher typischerweise vor:

  • 2–3 Trainingseinheiten pro Woche
  • 6–10 Übungen pro Trainingseinheit
  • 1–3 Sätze pro Übung

Der Fokus liegt dabei auf großen Muskelgruppen und funktionellen Bewegungsmustern.

Prinzip der Bewegungsqualität

Eine zentrale Regel der Trainingstherapie lautet: Bewegungsqualität vor Trainingsintensität. Bevor die Intensitäten gesteigert werden, müssen die Bewegungen technisch korrekt durchgeführt werden können.

Besonders wichtig sind dabei:

  • Rumpfstabilisation
  • Kontrolle der Gelenkachsen
  • Koordinative Bewegungsführung
  • Funktionelle Bewegungsmuster

Unsachgemäß ausgeführte Übungen können zu Überlastungsschäden des Bewegungsapparates führen.

Prinzip der Variation und Periodisierung

Ein Training mit konstant identischer Belastung führt langfristig zu stagnierenden Anpassungen. Daher ist eine Variation der Trainingsparameter notwendig. Im rehabilitativen Kontext bedeutet dies etwa:

  • Variation von Intensität und Wiederholungszahl
  • Wechsel zwischen intensiveren und regenerativen Phasen
  • Variation der Übungsformen

Diese Strategie verbessert langfristige Adaptationen und reduziert gleichzeitig das Risiko von Überlastungsschäden.

Prinzip der Regeneration

Das Training wirkt nicht während der Belastung selbst, sondern während der anschließenden Erholungsphase. Gerade bei chronischen Erkrankungen ist daher eine sorgfältige Balance zwischen der Belastung und der Regeneration entscheidend. Zu berücksichtigen sind dabei:

  • Schmerzreaktionen
  • Fatigue
  • Schlafqualität
  • Allgemeine Belastbarkeit

Die Trainingsprogramme müssen daher flexibel angepasst werden können.

Training als therapeutischer Prozess

Aus rehabilitationsmedizinischer Sicht ist körperliches Training kein isolierter Stimulus, sondern ein strukturierter therapeutischer Prozess. Einzelne Trainingseinheiten entscheiden selten über Erfolg oder Misserfolg einer Intervention. Entscheidend beim Training ist vielmehr eine kontinuierliche, progressiv gesteuerte Belastung über Wochen und Monate hinweg.

Fazit

In der modernen Rehabilitation chronischer Erkrankungen steht nicht mehr die Schonung im Vordergrund, sondern die gezielte Aktivierung körperlicher Ressourcen. Körperliches Training verbessert nicht nur die Leistungsfähigkeit, sondern unterstützt auch die Selbstwirksamkeit, die funktionelle Autonomie und die berufliche und gesellschaftliche Teilhabe. Richtig eingesetzt, ist Training – hier Krafttraining – daher ein therapeutisches Instrument mit enormer systemischer Wirkung und ein zentraler Baustein einer modernen, evidenzbasierten (Schmerz‑)Medizin.

Empfehlung als weiterführende Literatur: 
Crevenna R. Physikalische Medizin und Rehabilitation – Ein Kurzlehrbuch. Facultas/Maudrich 2018, ISBN-13 978-3708914091.
Die bereits erschienenen Beiträge zu dieser Serie finden Sie hier.