Schmerzen in der Brustwirbelsäule

Serie spezifischer und unspezifischer Rückenschmerz: Teil XV

Eine Kolumne von Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Eisner, Universitätsklinik für Neurochirurgie, Medizinische Universität Innsbruck

In seiner Kolumne arbeitet Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Eisner, Universitätsklinik für Neurochirurgie an der MedUni Innsbruck und Past Präsident der ÖSG die unterschiedlichen Rückenschmerz-Entitäten für den klinischen Alltag auf und gibt praktische Tipps für Diagnose- und Therapieansätze. Reaktionen an: wilhelm.eisner@i-med.ac.at


Zusammenfassung
Muskuläre Dysbalancen sind häufig Ursache für Fehlbelastungen und Haltungsveränderungen, die zu einer Störung der sagittalen Balance führen. Aus chronischer muskulärer Dysbalance, die lange nicht schmerzhaft sein muss, entwickelt sich der chronische Rückenschmerz in der Lendenwirbelsäule und/oder in der Halswirbelsäule. Ein Therapiekonzept mit Infiltrationen und Schmerzmedikation bringt wenig, Sinn macht ein von Ärzt:innen kontrolliertes Trainingsprogramm haltungsrelevanter Muskeln wie dem M. pectoralis minor und dem M. rhomboideus.

► Zur gesamten Serie

erschienen in SCHMERZ NACHRICHTEN 2/2026

Upset mature middle aged woman feels back pain massaging aching muscles, sad senior older lady suffers from low-back lumbar pain sitting in incorrect sedentary posture, backache radiculitis concept
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Ein langer Tag im OP, Büroalltag, den ganzen Tag vor dem Computer sitzend, stundenlange Autofahrten und vieles mehr machen ekelhafte tiefsitzende brennende Schmerzen zwischen den Schulterblättern und der Brustwirbelsäule, als ob dir jemand ein glühendes Messer in den oberen Rücken gerammt hätte. Es fühlt sich wie ein verkrampfter Knoten an, der sich nicht durch Strecken und Dehnen beseitigen lässt wie andere quälende Verspannungen. Dieser Schmerz zwischen dem Schulterblatt und der Wirbelsäule lässt sich aber nicht wegpoppen. Ein Rollen auf einem Tennisball hilft dagegen nicht, auch ein kreisender Ellbogen im Rücken ist nicht in der Lage, diesen Schmerz zu beseitigen. Es wird Ihnen schnell mal übel und Sie haben das Gefühl, sich gleich zu übergeben … trotzdem löst sich der Schmerz nicht auf.

Wir haben die sagittale Balance, die Kopfgelenke, die Lendenwirbelsäule, die Halswirbelsäule und vieles mehr im Rahmen dieser Serie besprochen. Immer wieder verwies ich auf muskuläre Ursachen von Beschwerden, die von uns immer wieder am knöchernen Skelett behandelt werden, weil wir nicht bereit oder nicht in der Lage sind, einen Menschen einigermaßen umfassend untersuchen zu können. Facettengelenke, Iliosakralgelenke, Hüften, Knie sind so viel moderner als Muskeln, Muskelsysteme, Bindegewebe, Faszien. Aber, wie ich Ihnen vermitteln wollte, bei allen Beschwerden stehen unsere aktiven Systeme im Mittelpunkt, allen voran die Muskeln und deren Ungleichgewicht, Dysbalance.

Diese Dysbalancen sind Ursache für Fehlbelastungen und Haltungsveränderungen, die letztendlich zu einer Störung der sagittalen Balance führen. Aus chronischer muskulärer Dysbalance, die lange nicht schmerzhaft sein muss, entwickelt sich der chronische Rückenschmerz in der Lendenwirbelsäule und/oder in der Halswirbelsäule. Dies mit oder ohne myofasziales Syndrom (positive Triggerpunkte im Beckengürtel und/oder im Schultergürtel und am Hinterhaupt – gibt es auch vice versa). Resultierend aus der muskulären Dysbalance ist die lumbosakrale Hyperlordose mit einem größeren Kreuzbeinwinkel als 30° zum senkrechten Lot (1/3 des 90° Bogens). Facettengelenksödeme in den LWS-Segmenten mit keilförmigen, zum Spinalkanal sich verjüngenden Bandscheiben sind das Resultat neben einem Rundrücken in der Brustwirbelsäule und einem zu flachen Übergang von der oberen Brustwirbelsäule in die untere Halswirbelsäule mit Überlastung der Halswirbelsäule von HWK 4 bis HWK 7 mit Punctum maximum in Abhängigkeit des Krümmungswinkels in der oberen BWS. Ein hoher Krümmungswinkel (entspricht dem flachen Übergang von der Brustwirbelsäule in die Halswirbelsäule) spricht für eine Affektion der unteren Halswirbelsäule und je nach Belastung aufsteigend bis HWK 4/5. Die runde Brustwirbelsäule würde unseren Blick von vorne unten zwingen, ähnlich unseren „Handy-Schau-Menschen“ mit bis 60° Kopfvorneigung (mit dabei entstehenden 28–32 kg Belastung für die untere Halswirbelsäule). Wir wollen aber nicht immer auf das Mobiltelefon schauen, und deswegen zwingen wir unsere Halswirbelsäule in eine das „Gesicht nach vorne schauende Haltung“ (Sie wollen ihrem Gegenüber nicht auf die Brust schauen …) mit nachfolgender pathologischer Veränderung in der Halswirbelsäule von Stenose bis Bandscheibenvorfall reichend mit Anschlussdegenerationen nach Bandscheibenoperation als „never ending story“ von Schmerz – Besserung – neuer Schmerz – Besserung … Meistens gingen schon Lendenwirbelsäulenoperationen voraus mit gleicher Entwicklung als gerade vorbeschrieben. Was letztendlich bedeutet, dass es besser wäre oder ist, vor einer Operation die Patient:innen wieder in die sagittale Balance zu bringen und erst dann zu entscheiden, ob eine Operation noch notwendig ist.

Aber zurück zur Brustwirbelsäule, zum brennenden Schmerz zwischen den Schulterblättern. Massagen bringen maximal 30 min Schmerzlinderung, dann ist der Schmerz wieder da. Ein Spasmus des M. rhomboideus führt zu Schmerzen zwischen der Wirbelsäule und der Margo medialis des Schulterblattes. Ein extrem kräftiger Muskel, dessen Aufgabe es ist, das Schulterblatt zurückzuziehen und dieses an der Brustwirbelsäule zu verankern. Den ganzen Tag arbeiten wir gegen diese Muskeln. Wir trainieren den M. pectoralis major, um einen tollen Brustkorb zu haben. Den ganzen Tag sitzen wir vor Büchern beim Studieren oder vor einem Computer im Büro. Wenn wir mit Menschen sprechen, beugen wir uns nach vorne. Alles was wir heben und tragen befindet sich vor uns und arbeitet gegen unsere Mm. rhomboidei. Und was tun wir dieser Muskelgruppe Gutes? Kippen wir nicht immer weiter nach vorne? Ist der Buckel nicht unser Schicksal? Jeder wird doch bucklig und bekommt einen Rundrücken? Ist das nicht ein Element unseres gesellschaftlichen Lebens? Bekommen wir nicht irgendwie Dank und Anerkennung durch unsere Haltung als alte Menschen? Woher wollen wir denn wissen, wann ich aufstehen soll, um einer älteren Person Platz im Bus oder in der U‑Bahn zu gewähren? Es ist die Haltung, die unseren Zustand und unser Alter schon von weitem erkennen lässt.

Zurück zu den Mm. rhomboidei. Sie liegen unter dem M. trapezius, der als oberflächlicher Muskel ein Bewegungsmuskel und häufig Zielmuskel unseres Trainings ist, um einen schönen Cornetto-Oberkörper zu bekommen. Die Mm. rhomboidei werden nicht gesehen, wie die tiefsitzenden segmental und multisegmental stabilisierenden Muskeln entlang der Wirbelsäule, die uns alle in senkrechter Stabilität halten, während die oberflächliche Muskulatur uns bewegt (einfach gesagt). In Wahrheit entscheidet der Spannungszustand der oberflächlichen Muskulatur über deren Aktivität in Haltefunktion oder Bewegungsfunktion. Die Haltefunktion ist ausdauernd und stetig. Die Muskelanspannung beträgt zwischen 50 und 80 % der vollen Kraft. Zur Bewegung wird die Kraft gesteigert auf 80 bis 120 %, je nach Bedarf. Diese Leistung kann nicht lange aufgebaut werden. Sie braucht für die maximale und supramaximale Leistung zusätzlichen Zündstoff, Adrenalin und Cortisol, um im „Fight-and-flight-Modus“ schier Unmögliches leisten zu können. Die Geschichte ist voll von Taten, die uns übernatürlich vorkommen: Samson, der, nachdem er gefangen genommen und geblendet worden war, die zentralen Säulen des Dagon-Tempels der Philister umstürzte und dadurch den Tempel zum Einsturz brachte. Sein Tod, der Tod der gesamten Führung der Philister sowie 3000 weiterer Menschen seien dadurch verursacht worden.

Die Mm. rhomboidei halten das Schulterblatt in der Brustwirbelsäule verankert. Unser tägliches Verhalten, Sitzen, Computerarbeit, Schreiben, Lernen bringen unsere Schultern weit nach vorne. Zusätzlich trainieren wir wieder einmal die Bewegungsmuskulatur auf der Vorderseite des Thorax. Der M. pectoralis major wird durch Liegestütze, Bankdrücken und viele andere Übungen stark trainiert, damit in Ergänzung zum „Cornetto“ ein muskulär betonter Thorax unsere Kraft, Gesundheit und Potenz widerspiegelt. Im Gegensatz dazu wird der M. pectoralis minor (unsichtbar unter dem M. pectoralis major) vernachlässigt, was ihn verkürzt. Das verhindert, dass das Schulterblatt aufgerichtet werden kann. Zusammen mit einem übermächtigen M. pectoralis major wird das Schulterblatt mit den Schultern nach vorne gezogen und die Mm. rhomboidei werden immer weiter gedehnt und gestreckt, bis sie überdehnt sind und in einen Spasmus/Krampf übergehen und ekelhafte Schmerzen verursachen.

Ein Therapiekonzept mit Infiltrationen und Schmerzmedikation bringt hier gar nichts, aber einfache Mittel können unsere untrainierten Patient:innen wieder in den Mittelpunkt des Geschehens rücken. Selbsttherapie könnte ein Schlagwort sein oder werden, allerdings immer unter unserer Anleitung oder zumindest unter unserer Kontrolle! Wir Ärzt:innen müssen in der Lage sein, die von uns verordnete Therapie in ihrer Wirksamkeit zu überprüfen. Der Behandlungsvertrag besteht zwischen Patient:innen und Ärzt:innen. Wir überweisen zu den Therapeut:innen, aber der Vertrag besteht zwischen uns und nicht zwischen den Therapeut:innen und den Patient:innen! Eine Klage geht gegen uns.

Wie bereits in den Leitlinien „Unspezifischer Rückenschmerz“ ausgeführt, sind invasive Therapieverfahren wie Infiltrationen nicht indiziert, Gleiches gilt für die Bildgebung. Ist eine maligne Grunderkrankung ausgeschlossen und besteht kein neurologisches Defizit, gibt es keinen Grund, rundum zu schlagen. Es werden viel zu viele MRTs zur Absicherung der Behandler gemacht. Es ist sehr wichtig, die Situation der Patient:innen zu analysieren. Dazu schauen wir uns den bis auf die Unterwäsche entkleideten Menschen an. Sie lassen die:den Patient:in gehen, Fersengang, Zehenspitzengang, Einbeinstand, Vorbeugen und Finger-Bodenabstand Prüfung, dann legen Sie Ihre Hände beidseits auf den Schultergürtel- /Nackenbereich. Anfangs palpiere ich die Muskulatur mit aufliegenden Händen, ohne Schmerzen zu verursachen. Ich erhalte Auskunft über Tonus, Myogelosen, Tendomyosen, indem ich die Daumen durch die Muskulatur führe. Dann inspiziere ich die harmonische Entfaltung der Brustwirbelsäule in der Seitneigung nach links und rechts. Finger-Boden-Abstand habe ich anfangs schon ausführen lassen. Dann führe ich die Patient:innen in eine Rückneigung mit unterstützter Brustwirbelsäule durch eine Hand hinten an der BWS und eine Hand vorne am oberen Sternum. Es folgt die Palpation des Hinterhauptes, der Irritationszone am Querfortsatz von HWK 2, die tiefergelegenen Querfortsätze, die Dornfortsätze, Extension der HWS, Kompression der HWS …. Das hatten wir schon in den letzten Kapiteln.

Der Infraspinatus- und Supraspinatus-Test wird von mir zur Beurteilung der Aufrichtung der BWS und der Vorneigung/Protraktion des Schultergürtels herangezogen. Beide Arme sind nach vorne rechtwinklig abgewinkelt und liegen seitlich dem Rippenthorax an. Sie können der:dem Patient:in auch ein Blatt Papier zwischen Ellbogen und Thorax halten lassen, dann sind sie und die Patient:in sicher, dass der Ellbogen richtig angelegt ist. Dann werden beide anliegenden Arme in den Händen nach außen geführt. Liegt ein Rundrücken vor, kommen die Patient:innen kaum über 45° Seitbewegung hinaus, da sich die angespannten Facettengelenke durch die Vorneigung in der Brustwirbelsäule verriegeln und ein Aufrichten verhindern, wodurch die vorgebeugten Schultern im blockierten Zustand keinen größeren Bewegungsumfang zulassen. Richten Sie die Brustwirbelsäule auf, dann merken Sie sofort, wie der Bewegungsumfang im Infraspinatus‑/Supraspinatus-Test zunimmt. Diesen Test habe ich fix in meinen Untersuchungsgang eingebaut. Er dokumentiert mir die Entwicklung der Therapie in der Wiederherstellung der sagittalen Balance. Zusätzlich geben Sie den Patient:innen ein Messinstrument zur Selbstkontrolle an die Hand. Es folgt die Kraftprüfung an den oberen Extremitäten inkl. Reflexe.

Die Therapie des Spasmus im M. rhomboidei beginnt am besten mit einer Therapie des M. pectoralis minor. Wir müssen das Schulterblatt wieder beweglicher machen. Der M. pectoralis minor verläuft von der 3. bis 5. Rippe nach kranial-lateral durch die Axilla zum Processus coracoideus der Skapula unterhalb des M. pectoralis major. Den Zug oder die Spannung der verkürzten, untrainierten Muskulatur (Beweis Haltemuskulatur) des M. pectoralis minor auf den lateralen Oberrand des Schulterblattes zu lockern, ist unser erstes Ziel. Zuerst nehmen Sie nochmals die Haltung für den Infra- und supraspinatus Test ein, halten beide Arme am Körper angelegt (Blatt Papier dazwischen klemmen) und winkeln den Unterarm rechtwinklig wieder nach vorne ab, sodass die Unterarme und Hände waagrecht nach vorne zeigen. Dann bewegen Sie langsam und bewusst in Rotation den rechten oder linken Arm nach außen. Anfangs nur so viel, dass Sie die Bewegung in der Schulter und im Schulterblatt ankommen spüren. Achten Sie darauf, dass Ihr Arm in der Schulter nicht hochgezogen, sondern nach unten gezogen bleibt und Ihnen Entspannung in der Schulter bringt. Die Bewegung geht immer in die Ausgangsposition nach gerade vorne zurück. Dann führen Sie die gleiche Übung mit dem anderen anliegenden Arm aus, bis Sie ohne Schmerzen in der Schulter den Arm bewegen und das Schulterblatt Richtung Wirbelsäule bewegt wird. Sie können, um das Anliegen des Ellbogens am Thorax zu sichern, ein Blatt Papier zwischen Ellbogen und Thorax halten. Dann machen Sie die Übung mit beiden Armen gleichzeitig. Dabei machen Sie einen kleinen Rundrücken, wenn die Arme nach vorne zeigen, und führen Sie die Schulterblätter beidseits zusammen, wodurch die Brustwirbelsäule aufgerichtet wird. Durch dieses Mitbewegen der Brustwirbelsäule erreichen Sie anfänglich die Schultern, dann die Schulterblätter und letztendliche die Brustwirbelsäule. Die Bewegungen werden so langsam ausgeführt, dass Sie jeden Teil der Bewegung bewusst wahrnehmen. Nur so kommt es zum Lernen durch Üben, zur kortikalen Imprägnierung der Bewegung und der Haltung in unser Gehirn. Machen Sie die Übung nie schnell und schleudernd, denn passive schleudernde Bewegungen werden nicht korrekt im Gehirn abgebildet. Nur die Initiierung der Bewegung ist eine kortikale Leistung, der Rest läuft in den Basalganglien in Form eines automatisierten Programmes ab. Für eine weitere Übung stelle ich mich seitlich neben einen Türrahmen mit den parallelen Fersen, meine Füße mit dem Türstock eine Linie bildend, hüftbreit stehend auf. Mein dem Türstock zugewandter Arm ist rechtwinklig abgewinkelt und der Arm liegt vom Ellbogen bis zur Hand am Türstock auf. Jetzt ziehe ich das Schambein langsam hoch und schließe den Rippenbogen nach vorne (siehe WiPiHi). Dadurch entsteht eine Spannung im M. pectoralis minor, ich rotiere den angespannten Körper leicht weg vom Türstock in den freien Raum. Diese Position halte ich ein bis zwei Minuten. Sie werden merken, wenn Sie diese Übung ein paarmal gemacht haben, dass sich nach einer halben bis einer Minute der M. pectoralis minor aufdehnt und sich die obere Brustwirbelsäule durch die Aufrichtung des Schulterblattes aufrichtet. Sie müssen dazu verstehen, dass das Gehirn passive Bewegungen, Dehnungen, Zerren nicht gut verarbeiten und speichern kann. Das Gehirn lernt und übt die Bewegungsabfolge durch die Muskelaktivierungen, die letztendlich zu einer Dehnung in der beabsichtigten Muskulatur führt und nicht die passive Dehnung selbst. Wenn ein Profisportler im Stehen an seinem Fuß ziehend seine angespannte Oberschenkelmuskulatur dehnt, ist es etwas anderes, als wenn wir Amateure dieses Dehnen kopieren, um wie ein Profi an unserer untrainierten Muskulatur zu zerren. Sie sehen, dass das Kopieren und Imitieren eine für uns Menschen eigene und typische Verhaltensweise ist, die in der uns spezifischen Gehirnentwicklung nach der Geburt als einziger Nesthocker unter den Primaten Begründung findet.

So, jetzt haben wir begonnen, unseren Mm. rhomboidei etwas Luft und weniger Spasmus zu verschaffen. Gegen unsere Absicht, Entspannung zu schaffen, arbeitet auch noch ein verkürzter M. sternocleidomastoideus (positiver lateraler Hackett-Druckpunkt am Hinterhaupt!). Dieser zieht den Kopf nach vorne und bewegt damit viel Gewicht aus der sagittalen Achse nach vorne. Physiologisch ist der Kopf mit seinen ca. 4 kg ungefähr 4° nach vorne geneigt, von der Basis der HWS aus gesehen. Dabei sollte ein Leben lang unsere bekannte sagittale Ausrichtung in einer senkrechten Linie – äußerer Gehörgang, Akromion, Hüfte, Knie, Sprunggelenk übereinanderstehend – erhalten bleiben. Das sollte unsere sagittale Balance sein!

Das in all meinen Kapiteln schon Ausgeführte bleibt natürlich weiterhin gültig und bestehen. Tägliches Trainieren durch eine bewusste Haltungskorrektur zur Erhaltung der sagittalen Balance und Rückkehr in ein „Wirbelsäulen-jüngeres Alter – ohne Schmerzen“ sollte unser Ziel sein. Das unterscheidet meinen Behandlungsansatz von allen anderen Therapieformen: eine Rückentwicklung in einen Haltungszustand vor Auftreten von Beschwerden durch bewusstes Dehnen und Kräftigen der Haltemuskulatur mit Integration der tonischen und phasischen Muskulatur zu einem harmonisch stimmigen Gesamtmuskelsystem, das ihren Ausdruck über das Bindegewebe und die Faszien in einer schmerzfreien Haltung und Bewegung findet.

Haltung ist für mich eine sehr stark verlangsamte Bewegung mit überwiegender Aktivität der tonischen Muskulatur. Die phasische Muskulatur ist aktiv, aber nicht so stark, dass eine Bewegung resultiert. Gemeinsam mit den Faszien erhält sie unsere aufrechte Haltung, die stundenlang aufrecht erhalten werden kann, wenn wir uns Wachsoldaten in ihrer Haltung vor Augen führen.

Nachdem wir begonnen haben, das Schulterblatt etwas zu befreien, indem wir den M. pectoralis minor dehnen und kräftigen, ist es uns gelungen, etwas Dynamik in unser starres anatomisches Wissen zu bekommen. Weiter geht es mit der Dehnung des M. sternocleidomastoideus. Das ist sinnvoll, wenn sie auf den Nacken der Patient:innen schauen und dort quere Falten vorfinden. Dann befindet sich der Kopf in chronischer Rücklage und Sie werden häufig eine Bewegungseinschränkung des Kopfes nach links und rechts durch die knöcherne Blockade in den Facettengelenken, auch Verriegelung genannt, finden. Das ist an sich nichts Krankhaftes, kommt es allerdings in der Verriegelung zu einem Sturz oder zu einem Schleudertrauma, sind Schmerzen im Nacken und im Kopf höchstwahrscheinlich. Zudem haben Sie jetzt auch schon die Ursache für den Spannungskopfschmerz Ihrer Patient:innen gefunden.

Eine Korrektur der Haltung macht nur Sinn, wenn sie vom Beckengürtel aus geschieht mit Fokus auf das Os sacrum.

So, jetzt weiter mit dem Spasmus des M. rhomboideus. Die umfassendste Übung ist etwas komplex in der Beschreibung, aber einfach in der Ausführung. Die:der Patient:in liegt in Bauchlage auf der Liege, der Kopf liegt mit der Stirn auf. Die gestreckten Beine werden aufgestellt und hüftbreit angespannt. Die Zehen drücken in die Unterlage. Das Schambein wird wieder kranialisiert. Das Gesäß/Kreuzbein wird in Richtung Ferse kaudalisiert. Wichtig ist, die Hyperlordose aufzulösen und das Hohlkreuz zu strecken und zu begradigen. Die Arme liegen parallel zum Körper mit den Handflächen nach unten auf die Unterlage gedrückt. Dann wird der Körper langsam und bewusst in Spannung gebracht.

Das war alles nur Vorbereitung. Jetzt kommt erst die Arbeit am M. rhomboideus. Langsam und stetig werden die beiden Schulterblätter zusammengeführt in Richtung Wirbelsäule. Dabei werden die Schultern nach außen geführt. Dadurch kommt Spannung in die Arme, die Hände drücken sich in die Unterlage. Die weiter zusammengeführten Schulterblätter richten langsam den Oberkörper auf und der auf der Stirn aufliegende Kopf wird angehoben. Nacken und Hinterkopf sind nach kranial zu ziehen, wobei das Kinn locker nach unten hängt. Wir machen uns wieder lang und größer. Die Übenden schauen jetzt aus wie ein Skiflieger, deswegen heißt diese Übung auch „Willi’s Skiflieger“. Die Position soll ein bis zwei Minuten gehalten werden. Langsam wird die Spannung zwischen den Schulterblättern verringert, wodurch sich der Oberkörper wieder nach vorne neigen wird und die Stirn wieder auf die Unterlage gelegt wird. Die anderen Muskeln, die die Grundhaltung für diese Übung bereiten, bleiben in Spannung, in etwas reduzierter Form. Plumpsen Sie nicht auf die Unterlage wie ein leerer Mehlsack, sondern gehen Sie Millimeter für Millimeter aus der Vollspannung in die Haltung-bewahrende Grundspannung.

Der Supra- und Infraspinatus-Test dient als Kontrollinstrument. Verändert er sich nicht im Laufe der Therapie, würde ich mit der:dem Therapeut:in sprechen, um gemeinsam Therapieziele zu formulieren, deren Erreichung mit den Patient:innen besprochen und vereinbart wird. Vergessen Sie bitte nicht, dass die Grundvoraussetzung für den Therapieerfolg der Faktor Zeit ist. Es dauert Wochen, Monate und Jahre, um über Jahrzehnte entstandene Fehlhaltungen zu korrigieren. Das heißt aber nicht, dass es so lange dauern muss, bis sich die Schmerzen bessern. Das geschieht relativ rasch.

Bisher waren Haltung und Bewegung etwas Unbewusstes. Irgendwie ist die Haltung nicht dem willentlichen Einfluss entzogen, wie viele alte Lehrbücher behaupten. Wir haben uns unserem Haltungsschicksal ergeben und bewegen uns mit immer mehr Schmerzen ins Grab. Genau das wollen wir nicht! Daher müssen wir den Informationsdruck in den Gesundheitsberufen zu einer nachhaltigeren Haltung und haltungsverbesserten Bewegung erhöhen, um uns Gesundheitsarbeiter gesünder zu machen und Schmerzen zu reduzieren – und damit den Grundstein für eine bessere und effektivere Patient:innen-Versorgung zu legen.

Lassen Sie uns mit zwei Übungen im Stehen noch etwas Bewegung in die fixierte Schultergürtelpartie bringen: Sie stehen wieder aufrecht und gerade. Beide Arme sind seitlich horizontal gestreckt. Sie verlassen die horizontal gestreckte Position der Arme nicht. Zuerst beugen Sie im Ellbogen die Arme, sodass ihre waagrechten Hände mit gespreizten Fingern mit den Daumen etwas mehr als 5 cm oberhalb der Brustwarzen den Thorax berühren. Die Oberarme bleiben seitlich gestreckt dabei. Sie spüren, wie das Schulterblatt gehalten und leicht seitliche geführt wird. Dann werden die Unterarme wieder seitlich gestreckt und gerade gemacht. Führen Sie die beiden gestreckten Arme weiter nach hinten, soweit Sie es gut ohne Schmerzen machen können. Sie spüren, wie die Schulterblätter jetzt im Stehen zur Wirbelsäule geführt werden. Damit lösen sich die Spasmen aus dem M. rhomboidei und die Schmerzen werden sich auflösen und verschwinden. Es wird Ihnen helfen, die Brustwirbelsäule aufzurichten und den Rundrücken langsam zu verlassen in eine bessere Haltung der oberen Brustwirbelsäule und in weniger Belastung für die untere Halswirbelsäule. Dabei sollte das Becken immer waagrecht gehalten und das Kreuzbein und die Schulterblätter nach unten geführt werden, ohne wieder in eine verstärkte Rücklage in der unteren Brustwirbelsäule zu kommen. Der untere Rippenbogen und das Schambein sollten bei Core-Aktivierung eine immer stärker gerade werdende Körpervorderseite ergeben. Um diese Aufrichtung zu unterstützen, können Sie sehr gut Ihre Arme im Stehen senkrecht nach unten halten und beide Arme langsam und bewusst parallel nach vorne und oben führen – und wieder zurück. Immer weiter sollen Sie den Bewegungsumfang nach unten und oben vergrößern, dazu die Knie immer mehr beugen bei der Bewegung nach unten und hinten und sich strecken bei der Bewegung nach oben und hinten. Sie bewegen dabei den Kopf mit, der im oberen Ende in den Nacken gestreckt sein sollte. Jetzt spüren Sie die gesamte Wirbelsäule in Bewegung zur Optimierung der sagittalen Balance. Alle Bewegungen werden so langsam ausgeführt, dass Sie ihnen bewusst folgen und sie bewusst ausführen können. Jetzt haben wir über die Beckenaufrichtung, Core-Aktivierung die Brustwirbelsäule und die untere Halswirbelsäule erreicht. Erst jetzt können die Kopfgelenke entlastet werden. Um unsere Sinnesorgane optimal einsetzen zu können, ist es wichtig, uns in immer besser werdender sagittalen Balance zu halten. Wieso sage ich das? Weil wir uns zuerst unsere gute Haltung über Jahrzehnte versauen, um dann Millionen für die Schmerzbeseitigung ausgeben zu müssen. Im Herzen der multimodalen und multiprofessionellen interdisziplinären Schmerztherapie ist dieses biologische Element mit das Wichtigste, damit Menschen ihre Aufgaben in bestmöglicher Verfassung verwirklichen können. Die Psychotherapie ist nicht dazu da, damit Leidende sich mit ihrem Schicksal abfinden, sondern Strategien der Bewegungsvermeidung, des Rückzuges, der Isolation, der Anorexie, der Selbstvorwürfe bei den Patient:innen erkannt und behandelt werden. Nur zusammen mit der Biologie und der Psychologie ist eine bio-psychologische Schmerztherapie so zu nennen. Alles andere ist Augenwischerei, Selbstlüge und Verblendung.

Wir beginnen im Juni in Wien mit einem Programm für den Fachtag Schmerzmedizin „Wirbelsäulen-Gesünderes Wien in einem Wirbelsäulen-Gesünderen Österreich: Rückenschmerz verstehen, Wirbelsäulenschmerz behandeln“ – im Hotel InterContinental am 19.06.2026, 08:30 Uhr. Kommt und gebt ein Zeichen, dass noch mehr erreicht werden kann, als wir bisher erreicht haben!

Mit den besten Grüßen und Wünschen in diesen verrückten Zeiten. Wir halten wie in den letzten Jahren zusammen!

Euer Willi Eisner